Erlebnisführung in Duderstadt: Was uns die alten Häuser über ihre einstigen Bewohner erzählen

Sprechende Häuser – das ist der Titel einer Erlebnisführung zur Duderstädter Stadtgeschichte mit Jürgen Sczuplinski. Dabei stehen die alten Häuserinschriften aus der Zeit der Reformation im Fokus. Doch was erzählen uns wohl diese „Renaissance-Graffitis“? Und haben sie heute, im 21. Jahrhundert, noch eine Bedeutung? Einige Leute wollten das genauer wissen und nahmen an der Führung teil. Treffpunkt war das historische Rathaus.

 

Am historischen Rathaus starten die Duderstädter Erlebnisführungen. Jürgen Sczuplinski empfängt seine Gäste.

 

Die Gruppe war gemischt, alteingesessene Duderstädter waren dabei, aber auch eine Besucherin aus Görlitz hatte sich angemeldet. Am Rathaus empfing uns Jürgen Sczuplinski, der schon einige Jahre als Stadtführer die Region und speziell das historische Duderstadt präsentiert. Zu den „sprechenden Häusern“ kam er allerdings erst im Lutherjahr 2017. „Die Duderstädter Pastorin Christina Abel fragte mich damals, ob ich nicht zum 500. Jahr der Reformation eine Stadtführung zu den evangelischen Hausinschriften anbieten könne“, erzählt der Ex-Bundespolizist.

 

Martin Luther (1483 – 1546), der Urvater der Reformation (Foto Wikipedia)

 

Zu diesem besonderen Thema waren aber zunächst einige Recherchen nötig, und Jürgen Sczuplinski erhielt Unterstützung von der Historikerin Dr. Sabine Wehking. Tatsächlich boten die Häuserinschriften reichliches Potenzial, da nach der Reformation zuerst die Protestanten ihren Glaubensstandpunkt und ihre Reformgedanken an ihren Häusern öffentlich offenbarten. Die katholischen Inschriften folgten zu Beginn des Barock, in der Zeit der Gegenreformation.

 

Barocke Pracht, Neidköpfe und goldene Inschriften auf Deutsch zieren das Fachwerkhaus an der Steinstraße

 

Als alle angemeldeten Gäste versammelt waren, ging es los:
Nach kurzen Hinweisen zu den Coronaregeln wird die Gruppe in die Zeit Luthers eingeführt. Ein kleiner Input von geschichtlichen Hintergründen ist die Basis für ein Verständnis der Denkweise vor 500 Jahren. Damals war es keinesfalls ungefährlich, sich von der römisch-katholischen Kirche abzuwenden und Praktiken wie Ablassbriefe oder gar den Papst selbst zu hinterfragen. Eine mitgebrachte Landkarte zeigt uns: Duderstadt lag in der Nähe aller wichtigen Zentren der Reformation. Diese war keineswegs nur eine Glaubensangelegenheit, sondern ein Politikum. Es ging um Freiheit, Menschenrechte – und um eine ganz grundsätzliche Frage: Muss ich Gutes tun, um von Gott angenommen zu werden? Oder bin ich auch ohne meine persönlichen Bemühungen gut genug in Gottes Augen? Vorausgesetzt natürlich, dass ich nichts Schlimmes anstelle.

 

Als „Urknall“ der Reformation bezeichnet Jürgen Sczuplinski Luthers Erkenntnis über den Brief des Paulus an die Römer (3, 22), der auch das Haus an der Westertorstraße ziert

 

„DEM ABER DER NICHT MIT WERKEN UMGEHT GLEUBT ABER AN DEN DER DIE GOTLOSEN GERECHT MACHT DEM WIRT SEIN GLAUBE GERECHNET ZUR GERECHTIGKEIT NB“

Das steht am Fachwerkhaus, Westertorstraße 22/24. Diese Inschrift (aus dem Brief Paulus an die Römer 3, 22) bezeichnet Jürgen Sczuplinski als Kerngedanken der lutherischen Lehre, sozusagen ihren „Urknall“: Der Mensch hat allein durch seinen Glauben vor Gott seine Rechtfertigung. „Martin Luther war, bis ihm die Bedeutung dieser Bibelstelle klar wurde, ein innerlich zerrissener Mensch“, erklärt Jürgen Sczuplinski. Diese Inschrift besagt, dass der Mensch keine besonderen Leistungen erbringen muss, um Gnade vor Gott zu finden. Hierin sei die „Rechtfertigungslehre“ des protestantischen Glaubens begründet, die einen Gegensatz zur „Tugendlehre“ des katholischen Glaubens bildet, sagt Jürgen Sczuplinski. Und man könnte noch weiter gehen: Die göttliche Gerechtigkeit steht über den irdischen, also über von Menschen gemachten Gesetzen. Das ist im historischen Kontext eine revolutionäre Erkenntnis, denn den Gesetzen des Papstes – und auch denen des jeweiligen Landesherrn – waren die Menschen ausgeliefert, ob sie nun gerecht waren oder nicht.

 

Die Inschrift „Ein feste Burg …“ ist älter als das Haus (1730) in der Markstraße und stammt noch aus dem Vorgängerbau aus der Renaissance.

 

Immer wieder werden wir auf Besonderheiten an den Häuserfronten und über den Hauseingängen aufmerksam gemacht. So steht der Beginn des bekannten lutherischen Kirchenliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ über dem Juweliergeschäft Oppermann. Keinem der anwesenden Einheimischen sei das je aufgefallen, bestätigen alle Duderstädter. Und wir erfahren: Musik ist Macht.

„Singen war eine der schärfsten Waffen der Protestanten“, sagt unser Stadtführer. Bis zur Reformation habe es in der Kirche nur lateinische Texte im einstimmigen Gregorianischen Gesang gegeben. „Die Lutheraner haben mit ihren zehnstrophigen und mehrstimmigen Liedern mit deutschen Texten die Altgläubigen einfach niedergesungen“, erklärt Jürgen Sczuplinski. So ordnete das Bistum Hildesheim 1524 sogar ein Singverbot an. „Ein feste Burg“ habe Heinrich Heine später als „Hymne der Reformation“ bezeichnet.

 

Vor der Reformation wurde in der Kirche ausschließlich einstimmig auf Latein gesungen (Illustration um 1400 „Singt dem Herrn ein neues Lied“ – Cantate Domino canticum novum, Quelle Wikipedia)

 

Während der Tour ändert sich unser Blick auf die Duderstädter Häuser und deren einstige Bewohner. Da es in der Renaissance noch keine einheitliche Rechtschreibung gab und die Menschen im Eichsfeld außerdem Platt sprachen, hilft es, manche Inschriften laut vorzulesen, um deren Sinn zu erfassen. Andere, vor allem die katholischen, sind auf Latein verfasst worden und werden vom Stadtführer übersetzt.

Durch ihre Häuserinschriften erhalten die Duderstädter vor 500 Jahren ein „Gesicht“, werden in ihren Hoffnungen, Sorgen und Ängsten menschlich begreifbar. Wir erfahren einiges: Wer gehörte welchem Glauben an? Welcher Bildung, welchem Beruf und welcher Gesinnung? Man fürchtete Krankheiten wie die Pest ebenso wie materiellen Verlust, Neid der Nachbarn oder den Ausschluss aus Gilde und Gesellschaft.

 

Ziemlich versteckt über dem Fenster in der Scharrenstraße befindet sich ebenfalls eine alte Inschrift. Hier druckte einst Johann Westerhoff das erste Buch in Duderstadt: das Pestbuch. „Coming home“ auf dem Haus daneben ist ein moderner Wunsch im Zeitalter der Globalisierung.

 

„Ich freue mich, wenn auch Einheimische nach einer Stadtführung sagen, das sie bestimmte Dinge nicht gewusst oder noch nie gesehen haben“, sagt Jürgen Sczuplinski. Die Touristin aus Görlitz bestätigt, dass sie bei einem Stadtrundgang ohne Führung vieles nicht entdeckt oder verstanden hätte. Die Duderstädter sind ebenfalls überrascht. So oft seien sie an den Häusern vorbei gegangen, ohne die spannenden Botschaften jemals wahrgenommen zu haben.

 

Reich beschriftet, verziert und modern saniert: Das Tabalugahaus und dahinter die ehemalige Stadtbibliothek

 

Es lohnt sich also, einfach mal mitzugehen. Termine gibt es auch in unserem Veranstaltungskalender.

 

Weitere Erlebnisführungen: „Auf ein Stündchen mit dem Scharfrichter“ mit dem Henker Hans Zinke, „GlaubensBilder“ – Erlebnisführung mit Anna-Victoria Jung, „Laterne, Horn und Hellebarde“ mit dem Nachtwächter Jakob Kannengießer, es gibt einen Stadtrundgang zur allgemeinen Stadtgeschichte und für Kinder den Rätselstadtführer. Eine Wartenwanderung mit Informationen zur historischen Duderstädter Stadtbefestigung bietet der Knickmeister Borchard Borchardes.

Voranmeldung bis zum Veranstaltungstag um 12.00 Uhr in der Gästeinformation im Rathaus, Marktstr. 66, 37115 Duderstadt
Tel.: 05527 841200, E-Mail: info@duderstadt.de

 

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