Der Pranger vor dem Duderstädter Rathaus erregt Aufsehen. Die neue Attraktion gibt nicht nur einen weiteren Hinweis auf die mittelalterliche Stadtgeschichte. Schon gleich nach dem Aufbau durch das Bauhof-Team um Frank Widera wurde der Holzpfahl mit Halsring und Kette von zahlreichen (Handy-)Kameras ins Visier genommen.
Was heute eine spaßige Attraktion in der Innenstadt ist, war in früheren Zeiten höchst peinlich. Wer an den Pranger gestellt wurde, musste nicht nur die öffentliche Schande ertragen. Alle, die vorbeigingen, durften den „Angeprangerten“ mit Unrat bewerfen, beschimpfen oder schlagen. Tatsächlich habe am Rathaus noch bis ins 19. Jahrhundert hinein ein Pranger gestanden, ein weiterer beim Gefängnis am Neutor, hat Christian Zöpfgen recherchiert – quasi als letzte Amtshandlung, denn der langjährige Tourismusbeauftragte der Stadt Duderstadt geht nun in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin Bettina Belkner war ebenfalls anwesend bei der „Einweihung“ der neuen Attraktion vor dem Rathaus.
In der Duderstädter Ratsverordnung von 1756 sei erwähnt worden, dass der Pranger am Gropenmarkt hinter dem Rathaus noch einmal umgestellt wurde, erklärte Christian Zöpfgen. Die Idee, einen solchen als Hinweis auf die mittelalterliche Stadtgeschichte und als Publikumsmagneten im 21. Jahrhundert wieder aufzubauen, stammt vom Stadtführer Bernhard Köhler, der als Knickmeister Borchard Borchardes auch über die Geschichte der Warten informiert.
Praktischerweise gibt es im Pflaster vor dem Rathaus die Vorrichtung, wo in der Adventszeit der große Weihnachts-Bürgerbaum installiert wird. Genau dort findet auch der Holzpfahl seinen Platz, der nun mit Kette und eisernem Halsring – eine Maßanfertigung nach Vorbild aus der Duderstädter Folterkammer – als neue Attraktion auf vermutlich unzählbaren Fotos erscheinen wird. Der etwa drei Meter hohe Balken sei mindestens 500 Jahre alt und stamme ebenfalls aus dem Rathaus, bestätigt Bauhof-Chef Frank Widera. Vor einigen Jahren wurde er beim Einbau des Aufzugs entfernt und lagerte seitdem im Bauhof. Zur Adventszeit muss er weichen, um wieder Platz für den Bürgerbaum zu schaffen.
Angeprangert: Glücksspiel, Sauferei und Ehebruch
Mit einem Augenzwinkern verwies Bürgermeister Thorsten Feike auf die Eheschließungen, die oft im Rathaus stattfinden – und wo der Pranger nun wohl als Symbolbild für das „an die Kette legen“ herhalten muss. Thematisch passt der Pranger besonders gut zur Stadtführung „Auf ein Stündchen mit dem Scharfrichter„, wo der Henker Hans Zinke alias Claus Ludwikowski u.a. über das mittelalterliche Rechtswesen informiert. „An den Pranger wurde man im Mittelalter für kleinere Vergehen gestellt, Glücksspiel, übermäßiger Alkoholgenuss tagsüber oder manchmal auch Ehebruch“, erklärte Hans Zinke. Allerdings wurde in Duderstadt über diese „kleineren Vergehen“ nicht genau Buch geführt, bestätigt der Stadtarchivar Hans-Reinhard Fricke. In den amtlichen Unterlagen tauchten nur die Rechtssprechungen auf, in der es um Geldstrafen oder um Landbesitz ging, was dann in den Rechnungsbüchern vermerkt wurde.
Auch der Duderstädter Nachtwächter Jakob Kannengießer alias Bernd Haupt ist zur „Einweihung“ des Prangers gekommen. Er erhielt von Bürgermeister Thorsten Feike bei diesem Anlass eine Abschiedsurkunde. Wegen eines Umzugs kann der Stadtführer nicht mehr seine Nachtwächtertouren zum Thema Stadtsicherheit anbieten. „Wir suchen Nachwuchs“, erklärten Hans Zinke und Borchard Borchardes. Wer sich als Stadtführer zu einem bestimmten Thema oder zur allgemeinen Stadtgeschichte einbringen möchte, kann nach einer entsprechenden Schulung zu Rhetorik, Historie oder Rechtsfragen auf unterhaltsame Weise die Stadt präsentieren. Fragen dazu beantworten die Stadtführer und die neue Tourismusbeauftragte Bettina Belkner. „Niemand muss schon ein fertiges Konzept mitbringen, wir helfen und beraten gern“, sagte Claus Ludwikowski.
Immerhin gibt es schon eine weibliche Verstärkung im Stadtführer-Team: Petrissa Morgiane alias Petra Bartosch-Aderhold wird ab Herbst 2021 im Gewand einer „Hübschlerin“ durch die Innenstadt führen und als Themenschwerpunkt über die Stellung und Geschichte der Frauen im Mittelalter berichten.
Infos zu weiteren Stadtführungen, u.a. zu den historischen Hausinschriften oder zur Kirchengeschichte, gibt es auf der Webseite der Stadt Duderstadt.