Eichsfelder Grenzspuren: Wanderung am Grünen Band bei Duderstadt

Das 30. Jahr der deutschen Wiedervereinigung nehmen wir zum Anlass, an der ehemaligen Grenze im Eichsfeld, am heutigen Grünen Band entlang zu wandern. Die Strecke von der Heinz-Sielmann-Stiftung bis zum Grenzlandmuseum Eichsfeld und zum Pferdeberg ist ein Teilstück des insgesamt ca. 20 km langen Rundwegs „Eichsfelder Grenzspuren“. Hier verbinden sich Einblicke in die Vergangenheit mit Themen der Gegenwart und mit den Ansprüchen eines nachhaltigen Tourismus. Und wunderschön ist die Strecke obendrein.

 

Karte: Heinz-Sielmann-Stiftung

 

Duderstadt liegt idyllisch eingebettet zwischen Harz, Solling und Ohmgebirge. Die wechselvolle Geschichte dieser Region hat auch immer die Naturlandschaft beeinflusst und ihre Spuren hinterlassen. Dort, wo 40 Jahre lang die innerdeutsche Grenze auch das Eichsfeld teilte, bietet heute das Grüne Band wichtige Lebensräume für seltene Tiere und Pflanzen. Wir starten unsere Wanderung an der Franz-von-Assisi-Kapelle bei Gut Herbigshagen, wo sich die Grabstätte des berühmten Tierfilmers Heinz Sielmann und seiner Frau Inge Sielmann befindet. Seit 1994 ist das historische Gut mit dem familienfreundlichen Naturerlebniszentrum der Hauptsitz der Heinz-Sielmann-Stiftung.

 

Die Franz-von-Assisi-Kapelle bei Gut Herbigshagen

 

Von der Kapelle aus blicken wir Richtung Norden auf den Harz, im Westen und Süden über das Untereichsfeld bis in den Göttinger Raum, und ein paar Schritte weiter Richtung Osten verlief bis zur Wiedervereinigung 1990 die Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Im Sommer 1988 drehte Heinz Sielmann hier seinen Film „Tiere im Schatten der Grenze“ und beschrieb schon damals seine Vision von einem Nationalpark entlang der Grenze. Kurz nach der Grenzöffnung im November 1989 gab es die ersten Verhandlungen zum Grünen Band, das heute über 12500 Kilometer durch Europa verläuft.

 

Forsthaus Rote Warte bei Fuhrbach

 

Links von uns liegt das Damwildgehege der Heinz-Sielmann-Stiftung. Kurz darauf erreichen wir das beliebte Ausflugsziel Forsthaus Rote Warte mit seinem malerischen Biergarten. Die Warten waren im Mittelalter Teil der Duderstädter Befestigungsanlagen. Die Wächter behielten die Umgebung und die wichtigen Handelsrouten im Blick, die auch die Städte des heutigen Fachwerk-Fünfecks miteinander verbanden. Die Fachwerkstädte Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode liegen alle in Südniedersachsen, und ihre reich verzierten Fachwerkhäuser zeugen vom einstigen Reichtum, u. a. begründet durch die günstige Lage an den wichtigen Handelswegen.

 

Betonplatten als Wegpflasterung am ehemaligen Grenzstreifen

 

Etwa 100 Meter unterhalb der Roten Warte Richtung Duderstadt geht es über einen kleinen Waldparkplatz links zum Grünen Band. Die alten Betonplatten des einstigen Kolonnenweges sind noch erhalten. Bis 1989 kontrollierten hier die DDR-Grenzsoldaten den damaligen Todesstreifen, an dem auch im Eichsfeld einige Opfer zu beklagen waren. Heute führt der Weg durch verschiedene Biotope und bietet Lebensräume für zahlreiche Pflanzen und Tiere, darunter einige geschützte Arten wie die Wildkatze.

 

Schattige Wanderwege im Mischwald bei der Roten Warte

 

Der Wald an der Roten Warte beeindruckt durch eine nachhaltige Waldwirtschaft. Alter Mischwald steht im Wechsel mit jungen Nachwuchsbäumchen, dazwischen Sträucher, Flechten, Moose und Totholz. Am Wegrand wird auf Infotafeln über Flora und Fauna informiert, aber es wird auch gewarnt: Nicht alle „Antipersonenminen“, die eine Flucht aus der DDR unmöglich machen sollten, seien gefunden worden. Querfeldein zu laufen, wäre also keine gute Idee. Der Natur tut es ebenfalls gut, wenn wir Wanderer auf den Wegen bleiben.

 

Hecken und Felder am Grenzweg bei Ecklingerode

 

Nach dem Wald verändert sich die Landschaft. Wir halten uns Richtung Ecklingerode, das zu DDR-Zeiten im Sperrgebiet lag. Büsche und Hecken säumen den Weg und bieten Lebensräume für heimische Vögel, Insekten, Kriechtiere und kleine Säugetiere.

 

Die Grenze zwischen Thüringen und Niedersachsen war bis 1989 auch die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik

 

Wir streifen das thüringische Ecklingerode. Die L540 führt direkt nach Duderstadt. Heute erinnert das große braune Schild an die Grenzöffnung im November 1989. Auf der anderen Straßenseite zeigt ein kleineres Schild die Landesgrenze zwischen Thüringen und Niedersachsen an. Vor November 1989 wäre es undenkbar gewesen, hier auf einer kleinen Landstraße einfach die Ländergrenze zu passieren. Stahlgitterzäune, Todesstreifen, Minen und NVA-Soldaten mit Schussbefehl haben Ecklingerode von Duderstadt, und Niedersachsen von Thüringen getrennt.

 

Die Brehme plätschert „grenzenlos“

 

Nur das Wasser der Brehme konnte hier in den Westen plätschern. Beim Ortsausgang Ecklingerode durchkreuzen wir ein Feuchtbiotop mit Schilf, Weiden, blühenden Feuchtwiesen. Über die Brehme führt eine Brücke. Das Wasser fließt munter weiter in die Duderstädter Innenstadt, wo 1994 zur der Landesausstellung Natur im Städtebau auch der Brehmelauf in der Marktstraße wieder freigelegt wurde und das heutige Stadtbild mit bestimmt.

 

Brehme-Brücke entlang des Feuchtbiotops zwischen Ecklingerode und Duderstadt

 

Der alte Kolonnenweg führt nun vorbei an blühenden Magerwiesen. Die Schutzhütte am Wegrand zwischen den Birken hat ein Dach voller Flechten und bietet so auch vielen Insekten und Vögeln Nahrung.

 

Blühende Magerwiesen und eine Schutzhütte am Wegesrand

 

Wir steigen hinauf auf den Kutschenberg zum WestÖstlichen Tor. Dieses Landschaftskunstprojekt der Künstler Anka Förster und Robert Schützle hat der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow im Jahr 2002 zusammen mit dem damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin persönlich eingeweiht.

 

Das WestÖstliche Tor als vergängliches Landschaftskunstprojekt

 

Die Eichenstämme, die das Tor symbolisieren, sind im Boden mit einer Schwelle aus Edelstahl miteinander verbunden. Inzwischen ist das Kunstwerk ziemlich umwuchert von Büschen und Bäumen. Das Wachsen der Pflanzen ist ebenso gewollt wie das langsame Verrotten der beiden Eichenstämme. Es versinnbildlicht, wie die einstige Trennung zwischen den beiden deutschen Staaten im langsam wachsenden Prozess überwunden wird und das Land sich immer mehr zu einer lebendigen Vielfalt vereinigt.

 

Richtung Lindenberg wird der Grenzweg an manchen Stellen steil

 

Vom WestÖstlichen Tor führt der Kolonnenweg erst steil hinab, und dann wieder hinauf zum Lindenberg. Der gehörte zwar seit Jahrhunderten zum Duderstädter Stadtwald, lag dann aber 40 Jahre unerreichbar im Sperrgebiet der DDR. Nach der Grenzöffnung beeindruckte der Lindenberg vor allem durch seinen von Menschenhand weitgehend ungestört gewachsenen Mischwald mit etlichen alten Baumriesen. Von denen sind viele in den frühen Jahren nach der Grenzöffnung gefällt worden. Heute wird der Hochwald wieder unter Aspekten der Nachhaltigkeit forstwirtschaftlich genutzt.

 

Forstwirtschaft am Lindenberg

 

Auch am Lindenberg informieren Hinweisschilder über Wege, Flora und Fauna, und es gibt in die Landschaft angepasste Schutzhütten mit Tischen und Bänken und manchmal mit bewachsenen Dächern. Eindrucksvoll ist die Aussicht über Duderstadt, den Harz und das Göttinger Land.

 

Aussicht über Duderstadt und das Umland

 

Der Weg führt nun so steil abwärts, dass man sich fragen muss, wie es die NVA-Soldaten geschafft haben, hier bei Wind und Wetter mit ihren Fahrzeugen zu patrouillieren. Auf der rechten Seite ist schon das niedersächsische Gerblingerode zu sehen, auf der linken Seite Magerrasen, dahinter Felder.

 

Blick von Thüringen auf das niedersächsische Gerblingerode

 

Wir halten inne bei dem im Schatten von jungen Bäumen stehenden Holzkreuz. 1976 wurde hier der erst 19-jährige André Rößler bei seinem Fluchtversuch aus der DDR getötet.

 

Hier starb der erst 19-jährige André Rößler beim Fluchtversuch

 

In der Idylle am heutigen Grünen Band konnte man es fast vergessen: Wir befinden uns auf dem Grenzstreifen, der eine Diktatur abschirmen sollte und der vielen Menschen das Leben gekostet hat. Wir wandern direkt an der ehemaligen Grenze, die erst überwunden werden konnte, als sich die DDR-Bürger 1989 zusammentaten, um friedlich für ihre Freiheit zu demonstrieren. Heute hat sich am einstigen Todesstreifen die Natur ihren Platz zurück erobert. Nur die Betonplatten auf dem Kolonnenweg erinnern uns noch daran, dass dies kein gewöhnlicher Wanderweg ist. Und genau hier liegt die Faszination einer Wanderung am Grünen Band. Die Verknüpfung von Geschichte und Ökologie, von Betroffenheit und Schönheit der Natur, von Erinnerung und aktuellen Fragen, hat einen ganz besonderen Reiz, der lange nachklingt.

 

Gedenken und Erinnern am Grenzlandmuseum Eichsfeld

 

Vom Lindenberg-Abstieg kommen wir bei Gerblingerode direkt an die B247, wo das Grenzlandmuseum Eichsfeld am historischen Ort liegt. Die alten Gebäude, Überwachungs- und Sperranlagen des einstigen Grenzübergangs Duderstadt-Worbis sind noch erhalten und zu besichtigen. Den Kern des Museums bilden multimediale Ausstellungsräume, wo vieles ausprobiert werden darf.

 

30 Jahre Wiedervereinigung: Heute grast am Grenzlandweg, am einstigen Todesstreifen, friedlich eine Schafherde

 

Wer noch etwas weiter wandern möchte, kann den insgesamt 6 Kilometer langen Grenzlandweg zwischen Niedersachsen und Thüringen erkunden. Auf einem Teilstück, dem ca. 1,6 km langen Rundweg über den Pferdeberg, geben 24 Stelen mit Infotafeln besondere Ein- und Ausblicke auf die deutsch-deutsche Geschichte im Eichsfeld. Auf der niedersächsischen Seite des Grenzlandwegs, ganz in der Nähe des Pferdeberg-Aussichtsturms, hat an den Wochenenden das Gasthaus „Schöne Aussichten“ geöffnet, das mit einem weiten Blick über das Grüne Band seinem Namen Ehre macht.

 

Schöne Aussichten vom Pferdeberg auf das Grüne Band

 

Wer dem Rundweg „Eichsfelder Grenzspuren“ weiter folgen möchte, kommt durch das Hahletal schließlich in die Duderstädter Altstadt und auf der anderen Seite des Stadtwalls zur Leerenschen Rinne. Hier führt der Wanderweg entlang der Sulbig wieder hinauf zum Gut Herbigshagen.

 

EichsfeldBlog Duderstadt #30JahreWiedervereinigung Grenzlandweg HeinzSielmannStiftung Grenzlandmuseum

 

 

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