Verschlossene Türen? Nicht überall. Auf der Walz bei Corona

Die traditionelle Walz ist seit jeher eine spannende Herausforderung. Auf der Wanderschaft durch Länder und Regionen können junge Handwerksgesellen vielseitige Berufserfahrungen sammeln, die Welt kennenlernen, neue Freundschaften knüpfen und schließlich auch die eigene Persönlichkeit weiterentwickeln. Die Zimmermannsgesellen Peter Lambertz und Jonah Hartke kamen zu Fuß von Hannover nach Duderstadt, um den Westerturm zu sehen – doch mitten in der Coronakrise ist vieles anders als sonst.

 

Duderstadts Wahrzeichen, der Westerturm mit seinem gedrehten Dach, lockt auch Holzbau-Experten

 

Peter Lambertz stammt aus dem friesischen Varel und ist seit über drei Jahren auf Wanderschaft, Jonah Hartke aus Magdeburg seit acht Monaten. Beide gehören dem Schacht „Gesellschaft Freie Vogtländer Deutschlands“ an und tragen auch die entsprechende Kluft: Schwarze Weste und Hose mit drei Perlmuttknöpfen an den Schlägen und zwei Knöpfe am Revers des Jacketts, dazu den Hut mit Krempe. Das Erkennungszeichen – die Ehrbarkeit – ist die goldene Handwerksnadel im eingeschlagenen Hemdkragen. Der goldene Ohrring wurde ins Ohrläppchen genagelt. Damit soll die „letzte Schuld“ beglichen werden – das eigene Begräbnis, falls einem unterwegs etwas zustößt. Das spärliche Gepäck hängt am Stock.

 

Spärliches Gepäck für eine mehrjährige Wanderung

 

Wer auf die Walz geht, muss unverheiratet und schuldenfrei sein, eine abgeschlossene Handwerksausbildung vorweisen können, der Gewerkschaft angehören und darf noch keine 30 Jahre alt sein. Nicht entscheidend sind Nationalität, Religion und Herkunft. Die Wanderschaft der Freien Vogtländer dauert mindestens zwei Jahre und einen Tag. Während dieser Zeit darf man seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Handys sind nicht erlaubt. „Die ersten Tage vermisst man das Handy, aber dann ist es total befreiend, nicht immer erreichbar zu sein“, sagt Peter. Erlaubt ist aber, irgendwo in den weltweit verstreuten Herbergen einen Computer zu benutzen, um Berichte und Nachrichten zu verschicken und sich zu informieren.

Walz: Beitrag zu Weltoffenheit, Völkerverständigung und gelebter Tradition

Als Ziel der Walz nennen die Freien Vogtländer die handwerkliche und geistige Weiterentwicklung, den Beitrag zu Weltoffenheit und Völkerverständigung sowie den Erhalt von Handwerksbräuchen und Traditionen. Von der Gesellschaft werden auch Weiterbildungsmaßnahmen angeboten und organisiert. Im März 2020 waren Peter und Jonah auf einer solchen Fortbildung in Hannover, als die Corona-Pandemie alles veränderte.

„Es hieß sofort: Alle Gesellen von der Straße“, erzählt Peter. Für rund 30 Leute wurden Jobs vermittelt. Auch Peter und Jonah bekamen Arbeit in Hannover, doch dann geriet die Holzlieferung ins Stocken. Um die Zeit zu überbrücken, beschlossen die beiden historisch interessierten Zimmerleute, zu Fuß der Leine flussaufwärts zu folgen und sich dabei ein paar auch handwerklich interessante Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Auf der Walz ist es nicht erlaubt, Geld für Fortbewegungsmittel oder für eine Übernachtung auszugeben. Trampen ist zwar okay, aber da wäre es schwierig, Corona-Mindestabstände einzuhalten. Es dauerte also eine Woche, bis die beiden auf Schusters Rappen ins Eichsfeld kamen. „Wir haben uns einiges angesehen, die Rhumequelle, den Seeburger See, in Ebergötzen die Wilhelm-Busch-Mühle. In Duderstadt wollten wir gern den Westerturm besichtigen, aber da war alles zu, als wir ankamen“, erzählt Jonah. Das gedrehte Dach des Duderstädter Wahrzeichens konnten die Vogtländer zunächst also nur von außen betrachten.

 

Traditionelle Handwerkskunst: Das Wasserrad an der Wilhelm-Busch-Mühle in Ebergötzen

 

Eine weitere Schwierigkeit für die Wandergesellen während der Coronakrise ist, dass die Gastronomie geschlossen hat. Traditionell wird Handwerkern auf der Walz in den Gaststuben ein Getränk und etwas zu Essen angeboten, und das wissen auch noch viele Gastwirte im Eichsfeld. Aber bei geschlossenen Türen ist es nicht einfach, Verpflegung und kostenfreie Schlafplätze zu finden. Zwar haben sich sesshafte Vogtländer überall in der Welt verbreitet und würden die Gesellen auf der Walz jederzeit bei sich aufnehmen, aber nicht in jedem Dorf wohnt ein Mitglied der Gesellschaft.

 

Wegen Corona haben die Gaststätten geschlossen. Auf der Roten Warte gab es trotzdem ein Getränk vor der Tür.

 

Peter und Jonah beschlossen, über die Duderstädter Bergdörfer zum Harz und von dort zurück nach Hannover zu wandern. Am Samstagabend kamen sie über die Rote Warte, wo sie immerhin vom Wirt Benno Behre bemerkt wurden, der ihnen ein Getränk nach draußen brachte. Schließlich in Fuhrbach angelangt, schmerzten die Füße. „Wir waren kaputt, ich wollte nicht mehr weiter gehen“, sagt Peter. Man fasste schon den Gedanken, die Schlafsäcke unter dem Vordach der Friedhofskapelle auszurollen, als zufällig die Bürgermeisterin Beate Sommerfeld vorbei kam. Und im Eichsfeld kennt man „kurze Wege“.

 

Gastfreundschaft in Fuhrbach. Im Eichsfeld wird eine lebendige Handwerkstradition geschätzt (Foto: Beate Sommerfeld)

 

„Ich habe das spontan abgeklärt, dass die beiden im Sporthaus übernachten konnten. Das ist zwar zurzeit eine Baustelle, aber es gibt wenigstens ein Dach über dem Kopf und sanitäre Anlagen. Wir haben dann einfach zwei Matten ausgerollt“, erzählt die Bürgermeisterin. Mehrere Fuhrbacher sorgten für Verpflegung und auch für ein Frühstück am nächsten Morgen. „Man merkt hier den Zusammenhalt und eine lebendige Handwerkstradition, das ist nicht überall so“, sagt Peter. Allerdings komme es auch immer darauf an, wie man selbst auf Menschen zu gehe. Peter ist auf seiner Walz unter anderem schon bis Australien, Tasmanien und Vietnam gekommen. Die Flugtickets wurden dann von den Arbeitgebern bezahlt – er selbst durfte ja dafür kein Geld ausgeben. Die Menschen in Vietnam kannten wohl bisher vor allem europäische Touristen und sahen auf der Baustelle scheinbar zum ersten Mal arbeitende Europäer, vermutet Peter. Der gemeinsame Alltag mit den Leuten vor Ort bringe auch für die Handwerksgesellen vielschichtige Einblicke in die jeweilige Kultur, erklären die beiden Vogtländer.

 

Der Duderstädter Westerturm bietet auch ein interessantes Innenleben für historisch interessierte Zimmerleute

 

Die berufliche Weiterbildung wird auf der Wanderschaft sowohl auf internationaler als auch auf historischer Ebene vertieft. „Uns interessiert unter anderem die Fertigung und Materialgewinnung zu früheren Zeiten. Dadurch erlangt man Wertschätzung für die verschiedenen, oft mühsamen Arbeitsgänge und die daraus entstehenden Produkte“, sagt Jonah und spricht damit auch den Gedanken der Nachhaltigkeit an, der heute wieder hochaktuell ist.

„Wir können nur die Gegenwart begreifen und die Zukunft gestalten, wenn wir wissen, was vorher war und wie es dazu gekommen ist“, sagt Peter. Als Zimmermann hat er sich mit allen möglichen Holz-Konstruktionen beschäftigt, vom Webstuhl über Pfahlbauten und Fachwerk bis zum modernen Terrassenbau.

 

Kleine Wege im Eichsfeld: Nach ein paar kurzen Telefonaten konnten die beiden Wandergesellen doch noch ihr Wunschziel, den Westerturm, von innen begutachten.

 

Das gedrehte Dach vom Westerturm finden die beiden Handwerker äußerst interessant. Damit sie den weiten Fußweg nicht umsonst nach Duderstadt gelaufen sind, wurden im Eichsfeld also über die „kleinen Wege“ ein paar Telefonate geführt, und der Duderstädter Kulturbeauftragte Horst Bonitz machte es auch am Sonntag – und mit dem nötigen Corona-Mindestabstand – möglich, dass die beiden Reisenden den Westerturm unter die Lupe nehmen konnten. Über die Dachkonstruktion wurde dann ausführlich gefachsimpelt, und auch das kleine Westerturmmodell gibt Einblicke.

 

Interessante Einblicke für Fachleute bietet auch das Westerturmmodell.

 

Schließlich wurde sogar das Angebot der Fuhrbacher wahrgenommen, noch eine weitere Nacht im Sporthaus zu bleiben. So schaffte man noch den Besuch bei der Heinz-Sielmann-Stiftung. „Ökologie ist auch ein Thema, das bei uns nicht zu kurz kommt“, sagt Jonah. Beide Vogtländer könnten sich vorstellen, nach Corona auch für längere Aufträge zurück ins Eichsfeld zu kommen. „Den Fuhrbachern danken wir für die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit, mit der wir im Ort aufgenommen wurden“, beteuern die Wandergesellen.

 

ClanysEichsfeldBlog Duderstadt Fuhrbach FreieVogtländer Wandergesellen

 

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