Ein kleines Tagebuch mit oftmals nur stichwortartigen Einträgen in filigraner Handschrift verrät mehr über ein Frauenleben Mitte des 19. Jahrhunderts, als man zunächst vermuten könnte. Der pensionierte Geschichtslehrer Hans-Jörg Gerste aus Marbach widmete sich umfassenden Nachforschungen – anfangs aus familiärem Interesse. Seine Frau Hildegard ist eine direkte Nachfahrin der Tagebuchautorin. Auf Einladung des Heimatvereins Goldene Mark (Untereichsfeld) e.V. hielt Hans-Jörg Gerste im Duderstädter Ursulinenkloster einen Vortrag unter dem Titel „Starker Kaffee, hohe Kultur und moderater Katholizismus – Tagebuch einer Kutschreise der Duderstädterin Anna Gesina Gödecke im Jahr 1839“.
Seit 180 Jahren ist das kleine Büchlein mit etwas verblasstem Stoffeinband im Familienbesitz. „Weitergereicht wurde es von den Müttern an ihre Töchter“, erklärte Hildegard Gerste, die ihren Mann nach Duderstadt begleitete, wo auch ein Teil der familiären Wurzeln liegen. Ein anderer Teil der Familiengeschichte führt auf eine Plantage in Surinam, Südamerika. Dort wurde Anna Gesina Gödecke 1809 oder 1810 als Tochter des Duderstädter Auswanderers Leonhard Fessler, der als Plantagendirektor zu Wohlstand gekommen war, und der Mulattin Anna Lucia als uneheliches Kind geboren – als Sklavin, so wie ihre Mutter. Die Eltern heirateten erst 1829. Bereits 1810 wurde allerdings eine Freilassungsurkunde ausgestellt, und Anna Gesina wurde katholisch getauft.

Um seiner Tochter eine gute Erziehung und katholische Ausbildung zu ermöglichen, begleitete Leonhard Fessler das inzwischen zwölfjährige Mädchen 1821 mit dem Segelschiff nach Europa, wo Anna Gesina vermutlich bei den Duderstädter Ursulinen ins Internat kam. Als gebildete, sprachlich und musisch begabte junge Frau heiratete sie 1828 den Duderstädter Advokaten Joseph Gödecke, und aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor. 1839 starb Joseph Gödecke, und Anna Gesina wurde mit 29 Jahren Witwe. Finanziell war sie jedoch abgesichert. Sie lebte mit ihrer Familie in der oberen Marktstraße. Das Haus steht heute nicht mehr, da es beim Großbrand in Duderstadt 1852 zerstört wurde.
1839 reiste Anna Gesina Gödecke mit der Postkutsche von Duderstadt nach Dessau, um ihren Verwandten, den in Duderstadt geborenen Priester Dr. Franz Küstner zu besuchen. Begleitet wurde sie anfangs von ihrem Vetter, einer Tante und ihren beiden älteren Söhnen. Für die 200 km lange Strecke brauchte die Kutsche etwa eineinhalb Tage.
Um eine Vorstellung von einer solchen Reise zu bekommen, ließ Hans-Jörg Gerste die zum Vortrag zahlreich erschienenen Gäste eintauchen in die Mobilität des 19. Jahrhunderts: Die Eisenbahn kam zwar schon als modernes Fortbewegungsmittel ins Rollen, aber das Schienennetz war längst noch nicht ausgebaut. Dagegen hatte die Postkutsche seit etwa 1750 maßgebliche Entwicklungen im Straßenbau vorangebracht. Um Pünktlichkeit, sicheren Transport und schnelles Auswechseln der Pferde zu gewährleisten, waren viele der alten Wege umgebaut worden in breite, schnell zu durchfahrene Chausseen. Je nach Größe der Kutsche hatten auch Reisegäste mit Gepäck in und oben auf dem Wagen Platz, und eine Weiterfahrt wurde an bestimmten Knotenpunkten in nahezu alle Richtungen möglich. Die Postkutsche galt also als zuverlässig, schnell – und teuer. Der Großteil der Bevölkerung ging zu Fuß von A nach B.

In ihrem Tagebuch notierte Anna Gesina Gödecke kurze Anmerkungen zur Route und zu den Sehenswürdigkeiten, zur Verpflegung, zu weiteren Mitreisenden oder neuen Bekanntschaften in Dessau, über ihre Einkäufe, Ausflüge und kilometerweite Wanderungen in die Umgebung, über den Duft von exotischen Pflanzen, die sie an Surinam erinnerten, Konzertbesuche oder zu dem, was sie gegessen und getrunken hatte. Sie beobachtete den Bau der Eisenbahnstrecke und der Elbbrücke, später besuchte sie eine Zuckerrübenfabrik.

All diese kurzen Aufzeichnungen verraten einiges über die Schreiberin: Sie liebte exotische Getränke wie Kaffee, Tee und Schokolade, sie schien ein feinfühliger, bescheidener, aber auch selbstbewusster Mensch zu sein, sie war Frühaufsteherin, sportlich, an Technik interessiert und gläubige Katholikin, aber auch anderen Konfessionen gegenüber aufgeschlossen.
Nach etwa fünf Wochen in Dessau kehrte Anna Gesina Gödecke im August 1839 zurück nach Duderstadt. Im April 1840 starb dort ihr ältester Sohn an „Auszehrung“, im Februar 1841 raffte die „Auszehrung“ sie selbst dahin. Eine genauere Diagnose dazu ist nicht bekannt. Ihre drei noch lebenden Kinder kamen in Vormundschaft des Duderstädter Advokaten Max von Wehren und des Steuereinnehmers Bernhard Schmitz.
Fazit und neue Fragen:
Am Ende des Vortrags fasste Hans-Jörg Gerste in einem Fazit zusammen, was dieses winzige Büchlein mit knappen Einträgen dennoch bot: Es gab Informationen zur Regionalgeschichte, zum Reiseverhalten und zur überregionalen Vernetzung, zum Alltag in einem katholischen Pfarrhaus, es wirft ein Licht auf konfessionelle Offenheit, das Rollenverhalten der Frauen und die Rolle der Verwandtschaft. Und schließlich gebe das Tagebuch „Einblick in ein Feld, was von offiziellen Quellen kaum berührt wird“, sagte Hans-Jörg Gerste und nannte als Beispiele „Freizeit“ (im weitesten Sinne), Begegnungen, Einstellung der Menschen zur aufziehenden Industrialisierung und Technik, Migrationsgeschichte und Integrationsbereitschaft vor über 200 Jahren.
Im anschließenden Gespräch der Zuhörerschaft mit dem Referenten und seiner Frau Hildegard Gerste als Urururenkelin von Anna Gesina Gödecke wurde deutlich, dass intensive Forschung zwar viele Erkenntnisse bringt, aber auch ebenso viele neue Fragen aufwirft: Wie wurde Anna Gesina Gödecke als ehemalige Sklavin und vermutlich nicht ganz hellhäutige Frau im kleinstädtischen Duderstadt aufgenommen? Wie nahmen Frauen ihr eigenes Leben wahr in einer Zeit, in der sie nahezu keine Rechte besaßen? Und was bewegte einen Duderstädter, nach Surinam auszuwandern?
Hildegard Gerste fasste kurz zusammen, dass es laut Forschung nur vier Gründe gebe zum Auswandern: Armut, Abenteuerlust, jemand habe etwas „ausgefressen“ – oder Krieg. Was traf wohl auf den Duderstädter Leonhard Fessler zu?
Teil II folgt:
Hans-Jörg Gerste baute in seinem Vortrag schon nachhallende Spannung auf durch seine „Cliffhanger“, insbesondere zum Auswanderungsthema. Dazu wird es am 5. April 2027 einen weiteren Vortrag zusammen mit der Historikerin Ank de Vogel (Niederlande/Surinam) im Rahmen der Mitgliederversammlung des Heimatvereins Goldene Mark im Duderstädter Rathaus geben. Beginn ist um 18.45 Uhr.
(Titelbild: Hans-Jörg und Hildegard Gerste beim Vortrag im Ursulinenkloster)
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