Ausstellungseröffnung zum jüdischen Leben in Duderstadt am Beispiel der Familie Ballin

Am 9. November vor 85 Jahren haben die Nazis in Deutschland in der Reichspogromnacht jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört – auch in Duderstadt. An diesem traurigen Jahrestag in der deutschen Geschichte wurde in der Gästeinformation im Duderstädter Rathaus eine Ausstellung über „Das Leben der Familie Ballin in Duderstadt, Nordhausen und Israel“ eröffnet. Zu diesem Anlass waren auch die Nachfahren der Familie Ballin nach Duderstadt gekommen.

 

Die Nachfahren von Rolf Ballin: Lior, Margit, Karen und Itzik Wilf bei der Ausstellungseröffnung

 

Rolf Ballin (1925 – 2016), gebürtiger Duderstädter, überlebte die Judenverfolgung im Dritten Reich und gelangte über Umwege nach Israel, wo er später seine eigene Familie gründete. Seine kleine Schwester Ruth Sophie und seine Mutter Grete Ballin wurden im Vernichtungslager Belzec von den Nazis ermordet. Die Ausstellung im Kophus des Rathauses widmet sich dem Schicksal von Rolf und Ruth Sophie Ballin, und erzählt damit auch ein Stück jüdischer Geschichte in Duderstadt.

 

Ruth Sophie und Rolf Ballin, 1933 in Duderstadt (Archiv Wilf)

 

Zur Eröffnung sprach Bürgermeister Thorsten Feike die Parallelen zum wieder aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland an. „Um so wichtiger ist es, gerade jetzt, und vor dem Hintergrund des Terrors in Israel, diese Ausstellung zu zeigen und damit in Erinnerung zu rufen, wie wichtig Frieden ist.“

Die Nachkommen von Rolf Ballin, seine Tochter Margit und ihr Mann Itzik Wilf, sowie die beiden Enkel Karen und Lior Wilf, haben Dokumente und Fotos zur Verfügung gestellt und an der Ausstellungseröffnung teilgenommen. Der Großteil der Familie lebt auch heute in Israel, Lior kam 2018 zur Ausbildung nach Berlin und wohnt noch dort. Margit Wilf gab einen kurzen Einblick in das Privatleben ihres Vaters Rolf Ballin, den sie als liebevollen Familienmenschen schilderte, der sich niemals beklagt habe – auch nicht über die Vergangenheit. Seit 1977 reiste Rolf Ballin mehrmals nach Duderstadt, auch auf der Suche nach seinen Wurzeln, und im Laufe der Jahre entstanden enge Kontakte, u.a. zum ehemaligen Bürgermeister Wolfgang Nolte.

Die Angst, hilflos sein

Lior Wilf erzählte, dass er erst sehr spät von den Familiengeschichte seines Großvaters erfahren habe, und auch erst, nachdem er selbst das Thema angesprochen hatte. Er erzählte außerdem, dass er Anfang Oktober 2023 zur Hochzeit eines Freundes in Israel war. Dann brach der Krieg aus. Er schilderte die Sorge um noch vermisste Bekannte nach den Angriffen der Hamas auf die Zivilbevölkerung, berichtete vom grausamen Morden der Terroristen und von der Angst der Juden, wieder hilflos zu sein. Dass das große Leid im heutigen Israel plötzlich so nahekam im Duderstädter Rathaus, machte die Gäste der Ausstellung ebenso betroffen wie das Schicksal der Familie Ballin und der jüdischen Gemeinde im Dritten Reich. „Die Angreifer von damals und heute unterscheiden sich nicht sehr“, sagte Lior Wilf.

Schon vor vier Jahren sei Hans-Georg Schwedhelm von der Duderstädter Geschichtswerkstatt auf die Familie Wilf zugekommen, um eine Ausstellung über das jüdische Leben in Duderstadt vor und während der NS-Zeit zu planen. „Damals hätte ich nie gedacht, dass wir die Ausstellung unter diesen Umständen eröffnen würden“, sagte Lior Wilf.

Hans Georg Schwedhelm von der Duderstädter Geschichtswerkstatt hat das Leben der Familie Ballin in Duderstadt recherchiert:
„Siegfried Ballin kam im 19. Jahrhundert aus Hannover nach Duderstadt und hat hier seine Familie gegründet. Henriette und Siegfried Ballin hatten acht Kinder. Einer ihrer Söhne war Kurt Ballin. Grete und Kurt Ballin heirateten in Duderstadt und hatten zwei Kinder: Rolf Ballin, geboren 1925 und seine kleine Schwester Ruth Sophie, geboren 1932. Beide sind Duderstädter Kinder, ihr Schicksal steht im Mittelpunkt der Ausstellung.

Rolf konnte vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerettet werden und kam über England nach Palästina, dem britischen Mandatsgebiet, aus dem im Jahr 1948 der Staat Israel wurde. Dort hat er eine Familie gegründet, hatte Kinder und Enkelkinder und starb 2016 im Alter von 91 Jahren. Er besuchte mehrmals seine Geburtsstadt und hatte Freunde in Duderstadt. Ruth Sophie konnte nicht fliehen und wurde 1942 im Alter von 10 Jahren zusammen mit ihrer Mutter Grete im Vernichtungslager Belzec von den Nationalsozialisten ermordet.

Über das lange und interessante Leben von Rolf gibt es Bilder, Dokumente und Berichte, besonders von den Kindern und Enkelkindern, die in der Ausstellung zu sehen sind. Ganz anders war das kurze Leben von Ruth Sophie. Von ihr gibt es fröhliche Kinderbilder, die aber 1940 enden. Sie musste Diskriminierung und Verfolgung eines jüdischen Kindes in der Shoah erleben. Ein Anliegen des Nationalsozialismus war, jegliche jüdische Spuren in Deutschland zu beseitigen. Das haben sie nicht geschafft!

Die Geschichtswerkstatt Duderstadt will dazu beitragen, dass die jüdische Geschichte der Stadt Duderstadt nicht vergessen wird. Bilder und keine langen Texte stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland durch den NS-Staat wird auch beschrieben. Dies ist notwendig, um zu verstehen, wie sich die Mitglieder der Familie Ballin verhalten haben. Sie wollten aus Deutschland heraus.

Ballins waren eine typische jüdische Familie in Duderstadt, deshalb gibt es Bilder und Informationen über die jüdische Duderstädter Gemeinde. Die Ausstellung wurde mit Unterstützung der Stadt Duderstadt erstellt. Kinder und Enkelkinder des Ehepaares Sophie und Rolf Ballin leben in Israel und Berlin. Damit lebt auch ein Teil der jüdischen Geschichte der Stadt Duderstadt weiter.“

Die Ausstellung wurde gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ über die „Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Göttingen“. Unterstützung gab es außerdem von der Stadt Duderstadt und von der Stadtarchivarin und Leiterin des Heimatmuseums Sandra Kästner.

Die Ausstellung im Kophus ist noch bis zum 19. November 2023 kostenfrei zu besichtigen. Zudem werden zwei öffentliche Führungen angeboten, am Freitag, 10. November, um 11 Uhr und am Montag, 13. November, um 10.30 Uhr.

Weitere Hintergründe zum jüdischen Leben in Duderstadt: 1700 Jahre jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum (Artikel von 2021)

 

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