Wege ändern sich mit ihren Zielen

Wer gut zu erreichen ist und andere erreicht, hört mehr, weiß mehr und hat mehr, als derjenige, der im Hinterland sein Dasein fristet. Gute Verbindungen zum Rest der Welt sind lebenswichtig für eine ländliche Region.

Wer den Anschluss nicht verpassen will, braucht heute vor allem ein leistungsstarkes Internet. Im Eichsfeld ließe sich in puncto Gigabyte sicherlich noch manches optimieren – auch unter der weisen Voraussicht, nicht ins wirtschaftliche Abseits zu geraten. Vor dem digitalen Zeitalter waren jedoch andere Verbindungen wichtig, zum Beispiel befahrbare Wege zu den wichtigsten Handelsrouten. Tatsächlich war Duderstadt einst wegen seiner hervorragenden Verkehrsanbindungen zu bedeutendem Wohlstand gelangt – und einige Jahrhunderte später wegen fehlender Verbindungen wirtschaftlich benachteiligt. Wer schlecht zu erreichen ist – ob im Beruf, im sozialen Umfeld, in Bildung oder im Handel – steht schnell auf dem Abstellgleis.

 

Am Duderstädter Bahnhof steht zwar noch ein alter Waggon, und auch der Bahnsteig blieb erhalten, aber der Bahnverkehr für Reisende wurde 1974 endgültig eingestellt.

 

Das Eichsfeld liegt an der fruchtbaren Goldenen Mark, klimatisch geschützt durch die Einbettung zwischen Harz, Solling, Hainich und Ohmgebirge. Schon in der Eisenzeit (ca. 750 v. Chr. bis ca. 450 n. Chr.) entstanden erste Handelsrouten.

In der ersten urkundlichen Erwähnung 927 wird Duderstadt (Tutersteti) als Curtis bezeichnet, als herrschaftlicher Hof, der dem König und seinem Gefolge Schutz, Unterkunft und Verpflegung bieten konnte – also einen ökonomischen Wert hatte. Die Urkunde dokumentiert die Schenkung von Gütern König Heinrichs I. an seine Frau Mathilde. Neben Duderstadt gehen auch die Pfalz Grone, Pöhlde, Nordhausen und Quedlinburg in Mathildes Witwenbesitz über.

 

Quedlinburg gehörte ebenso wie Duderstadt zum Witwenbesitz Mathildes, der Ehefrau König Heinrich I.

 

Im Mittelalter kreuzten im Eichsfeld die wichtigsten Handelsrouten Europas. 1247 erhielt Duderstadt unter der Herrschaft Otto I. das braunschweigische Stadtrecht. Es folgten das Markt-, Zoll- und Münzrecht, und Duderstadt entwickelte sich zum Verkehrsknotenpunkt mit Verbindungen im Norden bis zur Hanse, im Süden bis nach Rom. Von dem gut frequentierten Straßennetz sind einige Hohlwege übrig geblieben. Über Jahrhunderte haben schwer beladene Fuhrwerke mit ihren Rädern den Boden eingedrückt und Geröll gelöst, das dann vom Regen fortgeschwemmt wurde. Die Furchen vertieften sich schließlich zu Gräben. Heute führen idyllische Wanderstrecken durch die Hohlwege im hügeligen Eichsfeld.

 

Der Hohlweg am Sulberg bietet heute vielfältigen Lebensraum, zum Beispiel für Wildbienen, Grabwespen und Brutplätze für viele Vogelarten. Foto: Iris Blank.

 

Auch am Pferdeberg bei Duderstadt haben die Räder von Fuhrwerken den Weg deutlich vertieft.

 

Mit dem Stadtrecht kam der Reichtum. In Duderstadt sind einige der prachtvoll verzierten Fachwerkhäuser erhalten, die zur Zeit ihrer Erbauung ein Vermögen gekostet haben. Ein Grund für diesen wirtschaftlichen Aufschwung lag in der Kunst des Bierbrauens. Das Duderstädter Bier galt auch weit über die Stadtgrenzen hinaus als besonders schmackhaft und wurde zum wahren Exportschlager. Wer mit Bierhandel reich geworden war, wollte seinen Erfolg auch nach außen zeigen – und führte kostbare Waren aus anderen Regionen ein. Es entstand ein dichtes Handels- und Straßennetz rund um Duderstadt.

 

Noch heute zeugen die reich verzierten Fachwerkhäuser vom einstigen Reichtum Duderstadts

 

Am wichtigsten war die Nord-Süd-Verbindung, die aus dem Westertor hinaus über den Sulberg – auch dort ist ein Hohlweg erhalten – nach Gieboldehausen und bis in die Hansestädte im Norden führte. Vom Neutor aus konnte man über die Tettelwarte in Richtung Harz, Goslar und Braunschweig ebenfalls die Hansestädte erreichen. Durch das Steintor gelangte man über die Wehnder Warte nach Worbis, und weiter in die reichen Künstlerstädte Nürnberg und Würzburg. Von dort führten die Straßen und Pilgerwege über die Alpen bis nach Italien. Eine Alternative war die weiter westlich gelegene Leineachse, die von Duderstadt über Göttingen erreichbar war und nicht nur den Anschluss in den Westen gewährleistete, sondern ebenfalls die Nord-Süd-Verbindung kreuzte.

Von dem einst imposanten Zisterzienserkloster Walkenried auf der Ost-Route Richtung Salzhandel ist heute größtenteils nur noch eine Ruine übrig.

Von Duderstadt aus war die Ost-Route der Weg zum Salzhandel. Die Reisenden kamen durch das Obertor über Nordhausen in die Goldene Aue, aber auch nach Walkenried, Quedlinburg und von dort hinauf an die Ostsee.

Reisen war anstrengend und zeitaufwendig. Ein schwer beladenes Fuhrwerk schaffte, je nach Beschaffenheit der nicht gepflasterten Wege, 15 bis 20 Kilometer am Tag. Gefahren lauerten überall, besonders für diejenigen, die wertvolle Ladung oder Lebensmittel transportierten. Nicht nur Bauern litten nach Kriegen, Krankheit oder schlechten Ernten unter Armut, auch Adelige konnten sich oftmals nur mit Raubrittertum über Wasser halten. Um die Reisenden, ihre Waren – und die Post – vor Straßenraub zu schützen, machten die Städte die alten Handelswege zu Geleitstraßen. Wer aus Duderstadt heraus wollte, musste Geleitgeld bezahlen und bekam eine Eskorte bis zur nächsten Geleitstätte, wo dann ein Geleitwechsel stattfand und ein anderes Herrschaftsgebiet für Reiseschutz kassieren durfte.

Nach weitgreifenden politischen Veränderungen während und nach dem 30-jährigen Krieg (1618 – 1648) war ein Bedarf an neuen Straßen da. Die schmalen mittelalterlichen Fuhrwege wichen zunehmend breiten Heerstraßen, auf denen auch größere Truppenverbände schnell vorwärts kommen konnten. Für Sicherheit waren nun nicht mehr die Städte, sondern die Landesherren zuständig, die mit ihren Truppen die Straßen kontrollierten.

 

Wie gut ein Fuhrwerk vorankam, hing von der Beschaffenheit der Wege, der Ladung und der Kraft der Zugtiere ab – wie hier noch in Nachkriegszeiten im Eichsfeld.

 

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden mit dem Niedergang der Hanse auch einige Frachtstraßen verlagert. An Bedeutung gewann die Leinetalachse bei Göttingen als Nord-Süd-Route, was für Duderstadt erhebliche Einbußen bedeutete. Doch erst mit dem Bau der Eisenbahnstrecke im 19. Jahrhundert wurde der Verkehrspass Harz-Solling endgültig ins Leinetal verlagert und Duderstadt geriet ins Abseits. Die gerade aufkommende Industrialisierung war auf gute Verkehrsanbindungen angewiesen, um Rohstoffe in die Fabriken zu bringen. Im ländlich geprägten Eichsfeld gab es weder Bodenschätze, noch Industrie. Wohlstand entwickelte sich nur dort, wo beides vorhanden war – oder wo man die Verbindung zum Handel aufrecht erhalten konnte. Eine Nebenstrecke der Bahn mit Verbindung Duderstadt-Wulften konnte erst 1889 eröffnet werden, die Erweiterung nach Leinefelde 1897.

 

Duderstädter Bahnhof um 1900

 

Auch die Landwirtschaft veränderte sich durch neue Maschinen maßgeblich. Im Eichsfeld verloren viele Menschen ihre Arbeit, gleichzeitig wuchs die Bevölkerungszahl. Wer rüstig genug war, zog als Wanderarbeiter dem industriellen Aufschwung hinterher. Männer und Frauen wurden in den Fabriken gebraucht, gute Handwerker halfen beim Aufbau der neuen Städte. Das Wanderarbeitertum hatte bis in die 1960-er Jahre Tradition im Eichsfeld.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem Aufbau der innerdeutschen Grenze wurde auch das Eichsfeld geteilt. Duderstadt lag 40 Jahre lang im Zonenrandgebiet. Alle wichtigen Verkehrswege führten nun am Eichsfeld vorbei. Auch die Nebenstrecke der Bahn zwischen Wulften und Worbis endete nach der deutschen Teilung in Duderstadt. 1974 wurde hier der Bahnverkehr für Reisende endgültig eingestellt. Das Straßenbild veränderte sich erst, als 1973 im Zuge des Grundlagenvertrags einer der wenigen Grenzübergänge zur DDR zwischen Duderstadt und Worbis errichtet wurde. Im ersten Jahr wurden 27509 Reisende in Bussen und Pkw Richtung Osten gezählt, im Jahr 1984 waren es 202650.

 

Nach Abschluss des Grundlagenvertrags wurde 1973 ein Grenzübergang zwischen Duderstadt und Worbis eröffnet. Heute befindet sich hier das Grenzlandmuseum Eichsfeld.

 

Nach der Grenzöffnung lag das Eichsfeld plötzlich wieder in der Mitte Deutschlands. Tausende Pendler zwischen Ost und West verstopften die Landstraßen, sodass schnell verkehrstechnische Lösungen gefunden werden mussten. Mit dem Bau der A 38 und den Umgehungsstraßen zur A 7 wurden große Summen in den Straßenbau investiert.

Dennoch gab es auch einige Vorteile durch die jahrzehntelange Randlage. Straßenbausünden der 60-er und 70-er Jahre sind dem Eichsfeld zum großen Teil erspart geblieben. Das bot Chancen für Kultur- und Naturschutzprojekte und förderte den „Sanften Tourismus“. Duderstadt liegt heute an der Deutschen Märchenstraße, an der Deutschen Fachwerkstraße und am Europäischen Fernwanderweg. Ausflugsziele in Harz, Solling, Thüringen und Hessen sind gut zu erreichen. Mit Einbeck, Osterode, Northeim und Hann. Münden bildet Duderstadt das Fachwerk5Eck in Südniedersachsen und will sich auch in Zusammenarbeit mit dem HVE in Thüringen touristisch neu aufstellen. Und letztlich spielen heute vor allem die Entwicklungen im Gigabyte-Maßstab die wesentliche Rolle bei der Erreichbarkeit. Die Wege ändern sich mit ihren Zielen.

 

 

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