Zu einem Themenabend „Welterbe Grünes Band: Perspektiven für das Eichsfeld“ haben die Heinz Sielmann Stiftung und das Grenzlandmuseum Eichsfeld gemeinsam eingeladen. Die Veranstaltung mit Vorträgen und Podiumsdiskussion hat im Foyer der Sparkasse Duderstadt stattgefunden.
Seit Dezember 2023 steht das „Grüne Band Deutschland“ auf der UNESCO-Vorschlagsliste. Das hochgesteckte Ziel des BUND, des Deutschen Kulturrates und weiterer MitstreiterInnen ist, eine Ernennung zum ersten gemischten Welterbe in Deutschland zu erreichen. Denn das Grüne Band gilt heute einerseits als grenzüberschreitender Schutzraum für bedrohte Arten, andererseits ist es untrennbar mit der deutschen und europäischen Geschichte des Eisernen Vorhangs verbunden.

Doch was bedeutet eine „doppelte“ Bewerbung um den Titel Welterbe? Welche Kriterien müssen erfüllt sein? Welche Auswirkungen hätte eine solche Ernennung insbesondere für das Eichsfeld? Diese Fragen sollten am Themenabend geklärt werden. Nachdem Mira Keune, Geschäftsführerin des Grenzlandmuseums, einen kurzen Überblick zum Programm gab, begrüßte Markus Teichert, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Duderstadt, als Hausherr die rund 150 Gäste, darunter Vertreterinnen und Vertreter von Naturschutz-, Tourismus- und Landwirtschaftsverbänden sowie aus der Kommunal- und Landespolitik. Durch das Programm führte dann Jochen Paleit, Vorstandsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung.
Grünes Band: Weiterentwicklung zur Mahn- und Naturerlebnisroute
Ideengeber zu dieser Veranstaltung war Wolfgang Nolte, zweiter Vorsitzender des Trägervereins Grenzlandmuseum Eichsfeld und stellvertretender Stiftungsratsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung. Er gab einen kurzen geschichtlichen Rückblick zur Entstehung der innerdeutschen Grenze und des Grünen Bandes am einstigen Todesstreifen. Heute sei es umso wichtiger, das Grüne Band als Mahn- und Naturerlebnisroute weiterzuentwickeln. Sein Dank galt insbesondere den „Visionären“, darunter der Tierfilmer Heinz Sielmann († 2006), die an die Überwindung der deutschen Teilung glaubten.

Der Thüringer Landtagspräsident Dr. Thadäus König lobte auf dem Themenabend vor allem den großen Zusammenhalt im Eichsfeld, und er betonte, dass der Weg zum UNESCO Welterbe ein Gemeinschaftsprojekt aller Bundesländer sein müsse. Neun der 16 Bundesländer seien Anrainer am Grünen Band, doch die Kosten für das Welterbe-Projekt trage Thüringen bisher allein. Besonders hob er in seinen Grußworten die konstruktive Zusammenarbeit der Heinz Sielmann Stiftung und des Grenzlandmuseums Eichsfeld hervor.
Beide Institutionen sind in ihrer Themenausrichtung und in ihrem Bildungsauftrag eng mit dem Grünen Band verbunden, das rund 130 Kilometer durch das Eichsfeld verläuft. Der Abschnitt „Grünes Band Eichsfeld – Werratal“, der zwischen Harz und Thüringer Wald an Niedersachsen, Thüringen und Hessen grenzt, ist auf Initiative Heinz Sielmanns als Biotopverbund erhalten worden. Auf einer Fläche von etwa 9500 Hektar leben rund 340 gefährdete Tier- und Pflanzenarten.
Heinz Sielmann 1988: Vision von einem Nationalpark
In den 40 Jahren des SED-Regimes war die innerdeutsche Grenze auf der DDR-Seite so abgeschirmt, dass sich dort eine einzigartige Flora und Fauna entwickeln und erhalten konnte. Heinz Sielmann thematisierte bereits 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, in seinem Film „Tiere im Schatten der Grenze“ dieses außergewöhnliche Biotop. Die Dreharbeiten dazu fanden unter anderem am Grenzstreifen bei Fuhrbach statt. Im Frühjahr 1989 wurde die 45-minütige Dokumentation im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlt. Noch nicht ahnend, dass wenige Monate später die Grenze Geschichte sein würde, beschrieb Heinz Sielmann hier seine Vision von einem Nationalpark entlang der Grenze von der Ostsee bis zum Thüringer Wald. Auszüge aus „Tiere im Schatten der Grenze“ wurden beim Themenabend im Sparkassenfoyer gezeigt (Video siehe unten).

„Welterbe lohnt sich!“
Heute ist das Grüne Band mit seinen knapp 1400 Kilometern der längste durchgängige Biotopverbund Deutschlands und Europas. Doch lohnt sich das enorm aufwendige Antragsverfahren für eine Nominierung zum gemischten Welterbe?
Mit einem klaren „Ja, Welterbe lohnt sich!“ erörterte Peter Südbeck, Leiter Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und Vorstand Nationale Naturlandschaften e.V., die wirtschaftliche und touristische Bedeutung des Grünen Bandes als UNESCO Welterbestätte am Beispiel Wattenmeer, das seit 2009 als Weltnaturerbe anerkannt ist. Umfragen und Statistiken zeigten, dass die Bedeutung von Umwelt- und Naturschutz in zunehmenden Maße bei Touristen eine Rolle spiele. „Der Welterbe-Status hatte einen positiven Effekt auf das Zusammenspiel von Tourismus und Naturschutz, auch in der Wahrnehmbarkeit des Nationalparks“, erklärte Peter Südbeck für das Weltnaturerbe Wattenmeer. Wichtig seien dabei allerdings auch Transparenz und Information, „Geschichten, die man den Menschen nahebringen muss“. Zahlreiche zertifizierte Guides und rund 400 Veranstaltungen pro Jahr machten das Wattenmeer erlebbar und förderten Verständnis. 99 Prozent der Gäste fühlten sich durch den Naturschutz nicht eingeschränkt, sondern sahen diesen als Bereicherung. Im Tourismusbereich seien rund 2000 neue Arbeitsplätze sowie neue Kultur- und Bildungsangebote entstanden, und die Kommunen verzeichneten höhere Steuereinnahmen, zählte Peter Südbeck die Vorteile auf.

Podiumsdiskussion: Perspektiven und Potenziale
Im Dezember 2023 wurde in der Kulturministerkonferenz beschlossen, das Grüne Band als erste gemischte Welterbestätte Deutschlands für Natur und Kultur vorzuschlagen. Wie also sähe der weitere Weg zur Nominierung aus? Über Perspektiven und Potenziale disktutierten Dr. Alexandra Kruse (Referentin „Auf dem Weg zum Welterbe – Der Natur- und Kulturraum Grünes Band“, Kooperationsprojekt BUND und Deutscher Kulturrat) und Prof. Dr. Kai Frobel (BUND) mit Mira Keune und Jochen Paleit.
Schon kurz nach der Grenzöffnung, im Dezember 1989, war der Ornithologe und damalige BUND Artenschutzreferent Kai Frobel Initiator für ein Treffen von Naturschützern vom BUND und aus der DDR in Hof, wo Möglichkeiten diskutiert wurden, entlang der ehemaligen Grenze verschiedene Schutzgebiete einzurichten. In diesem Rahmen entstand auch die Wortschöpfung „Grünes Band“, um eine neue und aussagekräftige Bezeichnung für den ehemaligen Todesstreifen zu finden.
Kai Frobel betonte in der Podiumsdiskussion in Duderstadt, dass eine der Grundvoraussetzungen für eine Nominierung zum Weltnaturerbe ein vorherige Ernennung zum Nationalpark sei. Heute sind in Deutschland etwa vier Fünftel des Grünen Bandes als Nationales Naturmonument geschützt. Hier sei Thüringen Vorreiter. Das Bundesland habe das thüringische Grüne Band längst als Schutzgebiet ausgewiesen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg und Hessen folgten. Mecklenburg-Vorpommern sei dabei. „Es fehlt Niedersachsen. Es gab bisher noch keine politische Absichtserklärung, den Abschnitt Elbtalaue zum Schutzgebiet zu erklären“, erläuterte Kai Frobel. Der Antrag auf Nominierung des Grünen Bandes zum Welterbe solle bis 2031 bei der UNESCO eingereicht sein. „Ein Welterbe ist kein neues Schutzgebiet, sondern eine Auszeichnung“, erklärte Kai Frobel.

Aufwendiges Antragsverfahren
Alexandra Kruse warf ein, dass sie beim Zeitplan noch etwas vorsichtiger sei, denn mit Berlin seien sogar zehn Bundesländer mit 20 Ministerien und Verwaltungen am Antragsverfahren beteiligt. Zudem müsse der internationale Aspekt mitgedacht werden. Das Projektbüro „Auf dem Weg zum Welterbe“ sei mit der inhaltlichen Arbeit beauftragt. Dazu gehörten Voranalysen für ein Nominierungsdossier, Kooperationen mit Institutionen und Vernetzung verschiedener Akteure. Alexandra Kruse betonte: „Die Idee der Nominierung muss von unten nach oben mitgetragen werden“, und sprach sich damit – wie zuvor schon Peter Südbeck – für intensive Kommunikation, Information und Transparenz mit allen Beteiligten und Anrainern aus.
Im Eichsfeld hatten bereits 2013 rund 250 Landwirte aus Niedersachsen, Thüringen und Hessen an einer Trecker-Demo teilgenommen, um gegen den Biotopverbund Eichsfeld-Werratal zu demonstrieren. Erst nach Reduzierung der Flächen für das Naturschutzprojekt wurde eine Einigung zwischen Planern und Landwirten erzielt.
„Mittlerweile funktioniert die Kooperation mit der Landwirtschaft. Man braucht Landwirte auch zur Pflege des Grünen Bandes“, sagte Kai Frobel. Zudem öffneten sich durch den wachsenden Individualtourismus neue Wirtschaftszweige. Regionale Betriebe in Bayern hätten schon die Chance genutzt, um kulinarische Spezialitäten und Unterkünfte am Grünen Band anzubieten.

Stimmen aus Landwirtschaft und Tourismus
Zur Podiumsdiskussion fanden auch Stimmen aus dem Publikum Gehör. Markus Gerhardy, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Göttingen, erklärte, dass die Landwirte 2013 sich dagegen gewehrt hatten, auch Flächen herzugeben, die 20 Kilometer und mehr entfernt vom ehemaligen Grenzstreifen lagen. Mit „ehrlicher und intensiver Kommunikation“ sei jedoch viel zu erreichen. Es müsse transparent gestaltet werden, dass man beim Welterbe nicht über neue Naturschutzprojekte rede.
„Als Riesenchance für Duderstadt und für ein grenzenloses Eichsfeld“, bezeichnete Sophie Kahlmeyer, Fachdienstleitung Tourismus in Duderstadt, die Möglichkeit zur Nominierung zum Weltkulturerbe Grünes Band. Damit könne die Region Eichsfeld national und international auf den Markt kommen, zumal alternativer und nachhaltiger Tourismus immer wichtiger werde.
Carolin Ruh, Vorständin der Heinz Sielmann Stiftung, ergänzte, dass in der aktuellen Niedersächsischen Tourismuskonzeption das Eichsfeld nicht vorkomme. „Eine Ernennung zum Weltkulturerbe wäre eine Chance für mehr Wahrnehmung“, unterstrich sie.
Größtmögliche Unterstützung für die Pläne zum Grünen Band sagte auch Bürgermeister Thorsten Feike zu, insbesondere mit Blick auf die Landesgartenschau 2030 in Duderstadt.

Naturschutz – Erinnerungskultur – Demokratiebildung
Wie verbindend – und vielfältig bildend – das Grüne Band heute über Landesgrenzen und Generationen hinaus ist, erläuterten Schülerinnen des Eichsfeld Gymnasiums Duderstadt. Unter der Leitung von Dr. Maude Erasmy, Leiterin Sielmanns Biotopverbund Grünes Band, Laura Hamentgen, Historisch-politische Bildung am Grenzlandmuseum Eichsfeld, und Anne-Dorothea Schmiesing (Wissenschaftliche Volontärin) hatten sie mit ca. 15 weiteren Schülerinnen und Schülern am Jugend-Umwelt-Medienprojekt (Jump) „GreenCut-jump goes Grünes Band“ teilgenommen – außerhalb der üblichen Schulzeiten. Themen wie Naturschutz, Geschichte der Deutschen Teilung und Werte der Demokratie wurden am Grünen Band erarbeitet. Daraus ist ein Kurzfilm entstanden, den die Jugendlichen nicht nur mit Inhalten füllten, sondern auch selbst gedreht, bearbeitet, geschnitten und mit Musik hinterlegt hatten. Diesen Film zeigten sie ebenfalls den Gästen im Sparkassenfoyer. „Es funktioniert gut, über Medien Interesse an Naturthemen zu wecken“, so das Fazit von Maude Erasmy.
Zum Abschluss der Veranstaltung verabschiedete Dr. Fritz Brickwedde, Stiftungsratsvorsitzender Heinz Sielmann Stiftung, die Gäste mit einem Blick in die Zukunft. „Demokratie ist nicht ungefährdet!“, mahnte er und betonte die Bedeutung des Grünen Bandes auch für nachfolgende Generationen in der Erinnerungskultur, Demokratiebildung sowie Wertschätzung und Bewahrung der Natur.
Info:
Unter dem Titel „Das Grüne Band auf dem Weg zum UNESCO-Welterbe“ haben die Stiftung Naturschutz Thüringen in Kooperation mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur noch bis Juni 2026 eine Veranstaltungsreihe konzipiert, bei der sich weitere Partner aus den Bereichen Erinnerungskultur und Naturschutz beteiligen. Mehr dazu bei www.stiftung-naturschutz-thueringen.de
BUND: www.bund-naturschutz.de
Heinz Sielmann Stiftung: www.sielmann-stiftung.de
Grenzlandmuseum Eichsfeld: www.grenzlandmuseum.de
Mehr zum Grünen Band: https://clanys-eichsfeld.blog/das-gruene-band/
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