Short Message vor 120 Jahren: 20.000 Eichsfeld-Postkarten aus der Friedrich-Müller-Sammlung gehen online

Einen riesigen Fundus an historischen Ansichtskarten aus dem Eichsfeld hat der Rhumspringer Lehrer Friedrich Müller seit Jahrzehnten zusammengetragen. Es sei zu schade, all diese Zeitdokumente in den Kartons verstauben zu lassen, dachten sich seine Kinder Mareike und Henning Müller, die heute beide in Göttingen leben. Also fingen sie an, die mehr als 20.000 Karten umfassende Sammlung zu digitalisieren und öffentlich sichtbar zu machen.

 

Das Westertor 1916, noch ohne Asphalt und Parkbuchten, dafür mit schattigen Wegen, grün bewachsenem Brehmelauf und lauschigen Gärten

 

„Wir sind noch lange nicht fertig. Ungefähr die Hälfte der Karten hat mein Bruder eingescannt. Ich bin für den Internet-Auftritt zuständig“, sagt Mareike Müller. Die Webseite soll leicht gefunden werden, daher werden auch SEO-Maßstäbe beachtet, und auf Social-Media-Kanälen werden verschiedene Exemplare aus der Sammlung vorgestellt.

 

Das Duderstädter Schützenhaus mit Biergarten zu Beginn des 20. Jahrhunderts

 

Friedrich Müller hat u. a. an der Grundschule Rhumspringe unterrichtet. Seine Leidenschaft für historische Ansichtskarten hat er schon vor Jahrzehnten entdeckt, seine Kinder kennen ihn nicht anders. Auf Flohmärkten und bei Ebay hat er einiges gefunden, aber auch in der Familie seien ihm immer wieder besondere Karten mitgebracht worden, erzählen die Geschwister. Um anderen Sammlern, Historikern, Heimatforschern und Interessierten den Fundus zugänglich zu machen, sollen nun alle Ansichtskarten, Postkarten, Feldpostkarten und einige Sterbebilder digitalisiert werden und auf der Webseite www.eichsfelder-postkarten.online veröffentlicht werden.

 

Bilder nach der Duderstädter Brandkatastrophe 1915 wurden ebenso verschickt …

 

… und mit einem Gruß versehen …

 

… wie Bilder vom Hochwasser 1909 in Heiligenstadt.

 

„Die Seite erhält schon einige Aufmerksamkeit. Es haben sich noch mehr Leute gemeldet und meinem Vater weitere Postkarten überlassen. Die Sammlung wächst also weiter“, sagt Mareike Müller.

Auf der Webseite kann man über eine Suchfunktion einen bestimmten Ort oder einen Themenbegriff wie „Festumzug“ oder „Unglück“ eingeben. Ansichtskarten waren nämlich nicht nur bebilderte Urlaubsgrüße, sondern sie wurden auch als Feldpost genutzt oder übermittelten Nachrichten von besonderen Ereignissen. Lange vor der Erfindung von Smartphones und Social Media wurden Bilder von Katastrophen, zum Beispiel von den Duderstädter Großbränden zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vom Hochwasser in Heiligenstadt im Jahr 1909, vom Zugunglück in Silberhausen 1921, aber auch von fröhlichen Großveranstaltungen mit Festumzügen, an Freunde und Verwandte geschickt.

 

Festumzüge, wie hier bei der 1000-Jahr-Feier in Duderstadt 1929 waren ebenfalls ein beliebtes Postkartenmotiv.

 

Prunkwagen der Tischlerei Gebhardt 1929 beim Festumzug in Duderstadt

 

In den Weltkriegen wurden Verwundete in den Lazaretten versorgt, zum Beispiel im Krankenhaus St. Martini oder bei den Ursulinen in Duderstadt. Von dort haben die Patienten ihre Feldpost verschickt, um die Familie zu benachrichtigen. In der Müller-Sammlung gibt es Feldpostkarten aus beiden Weltkriegen.

 

Die Luftaufnahme von Duderstadt aus dem Jahr 1942 …

 

… wurde von Rudi Fischer aus dem Lazarett der Ursulinen als Feldpost an seine Mutter in Berlin verschickt.

 

Im Duderstädter Krankenhaus St. Martini wurden die Verwundeten im zweiten Weltkrieg von den Vinzentinerinnen versorgt.

 

Sterbebilder wurden seit dem 19. Jahrhundert im Ort verteilt oder verschickt, um über einen Todesfall zu informieren, oder sie wurden als Erinnerungskarten bei Beerdigungen an die Trauernden ausgegeben.

Die älteste Postkarte in der Müller-Sammlung – also eine Korrespondenzkarte ohne Bilder – stammt von 1879, abgestempelt in Breitenworbis. Zwei weitere von 1880 wurden in Gieboldehausen und Hilkerode abgestempelt. Erst ab 1870 wurden unbebilderte Postkarten im Norddeutschen Bund unter preußischer Führung postamtlich eingeführt, um kurze Nachrichten zu versenden und das deutlich teurere Porto für einen Brief einzusparen. Ab 1871 verkaufte die Post selbst Ansichts- und bebilderte Glückwunschkarten, und ab 1872 wurden auch andere, nicht von der Post hergestellte Karten zugelassen.

 

Die Grußkarte aus dem Duderstädter Ratskeller ging 1928 nach Fulda.

 

Ende des 19. Jahrhunderts war es außerdem möglich, mit der Eisenbahn schnell und bequem zu reisen, und der Tourismus begann. Kur- und Heilbäder hatten Hochkonjunktur. Man reiste, um sich zu erholen, und man wollte den Daheimgebliebenen Urlaubsgrüße mit einem hübschen Bild vom Kurort schicken. Die Ansichtskarten setzten sich zunehmend durch, zumal sie durch modernere Druckverfahren schnell und recht günstig herzustellen waren.

 

Beliebtes Eichsfelder Ausflugsziel: Forsthaus Rote Warte bei Duderstadt

 

Heute sind die alten Ansichtskarten ein Zeitfenster in vergangene Epochen. Die Müller-Sammlung wird stetig vergrößert und soll für alle Interessierten öffentlich zugänglich bleiben. Informationen zur Urheberrechtlichkeit gibt es im Impressum der Webseite.

Wer sich regelmäßig über Neuheiten informieren möchte, kann den „Eichsfelder Postkarten online“ auch bei Facebook folgen.

Titelbild: Grußkarte aus Duderstadt von 1898

 

ClanysEichsfeldBlog Duderstadt EichsfelderPostkartenOnline HistorischeAnsichtskarten

 

Print Friendly, PDF & Email


Gefällt Euch unsere Seite?

Clanys Eichsfeld-Blog bleibt kostenfrei für Euch. Aber wir freuen uns über freiwillige Gaben
– oder Eure Werbung.


Danke für die Anmeldung

Du bekommst in Kürze eine Mailbestätigung für die Anmeldung. Bitte klicke auf den Bestätigungslink.

%d Bloggern gefällt das: