„ReallaborFachwerk4.0“ – Neue Chancen für das denkmalgeschützte Gebäude des ehemaligen Duderstädter Heimatmuseums?

Bei einem Tag der offenen Tür im ehemaligen Heimatmuseum Duderstadt hatten Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, sich über das „ReallaborFachwerk4.0“ zu informieren. Das Interesse war groß. Informationen gab es nicht nur zu modernen Forschungsmöglichkeiten im Bereich der energetischen Sanierung, sondern auch zur Geschichte des denkmalgeschützten Hauses, Baujahr 1767.

 

Das ehemalige Duderstädter Heimatmuseum wird zum Forschungsobjekt

 

Die HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen hat in Kooperation mit dem Fachwer5Eck und der Stadt Duderstadt das Reallabor im Heimatmuseum eingerichtet, um über ein modernes Monitoringsystem neue Erkenntnisse zur energetischen Sanierung in Bezug auf thermischen Komfort und Lebensqualität zu erhalten. Dazu wird das Gebäude in zwei unterschiedlichen Dämmstandards unter Einsatz digitaler Technologien und Sensorik saniert, um somit das Gebäudeverhalten zu untersuchen. Das Projekt soll über zwei Jahre laufen und wird durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

„Es geht uns auch um die Frage, ob bisherige Sanierungsstandards heute noch Gültigkeit haben oder durch neue Erkenntnisse verbessert werden können“, erklärte die Architektin Lea Telkämper (HAWK), die mit der Bauphysikerin Prof. Dr.-Ing. Meike Deck, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Quirin Amadeus Herzinger, dem Projektleiter Prof. Dr.-Ing Till Böttger und Juliane Hofmann vom Fachwerk5Eck vor Ort war, um mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Und auch Bürgermeister Thorsten Feike und der Ortsheimatpfleger Herbert Pfeiffer machten sich ein Bild vor Ort.

Über in den Wänden eingebaute Sensorik werden Daten erfasst, die Rückschlüsse auf Energieeffizienz, Materialverarbeitung, Raumklima und Gebäudeverhalten zulassen. Um diese dann dem individuellen Wohlgefühl – und damit der Wohn- und Lebensqualität – gegenüberzustellen, sollen ab Herbst 2026 Probandenplätze vergeben werden. Während des Aufenthalts in ansprechend eingerichteten Räumen des Gebäudes können Fragebogen ausgefüllt werden, deren Ergebnisse in die Studie einfließen.

 

In den Wänden wird Sensorik eingebaut, um neue Erkenntnisse zur energetischen Sanierung zu erhalten

 

Ziel ist es, technische, ökonomische und soziale Faktoren bei energetischen Sanierungen in Fachwerkbauten in Relation zu setzen und praxisnahe Lösungen zu erarbeiten. Davon dürften dann sowohl private EigentümerInnen, als auch Kommunen profitieren, indem sie neueste Erkenntnisse zu bauphysikalischen Faktoren, Materialwahl, Techniken, Förderungen und Einsparpotenzialen nutzen könnten.

Wie es nach dem Reallabor weitergeht mit dem historischen Gebäude in Duderstadt, ist bisher unklar. Das hänge von den Kosten, Möglichkeiten und den Entscheidungen im Stadtrat ab, meinte Bürgermeister Thorsten Feike.

Weitere Infos bei https://www.wohnraum5eck.de/service/reallabor-fachwerk-4.0/

 

Portal am Heimatmuseum Duderstadt
Portal an der einstigen Knabenschule und dem späteren Heimatmusem mit der lat. Inschrift: „Hier lieben die Löwen ihre Jugend und lehren sie“

 

Zur Geschichte des einstigen Heimatmuseums:

Das Duderstädter Heimatmuseum hatte sich seit seiner Gründung 1931 von einer volkskundlichen Ausstellung weiterentwickelt zur einem regionalgeschichtlichen Museum mit museumspädagogischem Konzept zu den Themen Archäologie, Handwerk, Textilverarbeitung, Blaudruck, Tabakanbau, Schule, Kirchenkunst und mehr. Im 1990 angegliederten Museumsgarten gab es Informationen zur Anwendung und Verarbeitung kultur- und wirtschaftshistorisch bedeutender Nutz- und Zierpflanzen. Außerdem wurden im Sonderausstellungebereich auch überregional beachtete Ausstellungen beispielsweise zum außergewöhnlichen Eichsfelder Maler Georg Greve-Lindau, zum Blaudruck oder vielen weiteren Themen präsentiert.

Die wechselvolle Geschichte des Fachwerkbaus hatte der Duderstädter Stadtführer und Heimatforscher Jürgen Sczuplinski recherchiert:

1765 – Der bischöfliche Kommissarius führt im Eichsfeld die allgemeine Schulpflicht ein

1767 – Die Knabenschule wird im neu errichteten dreistöckigen Fachwerkhaus in direkter Nachbarschaft zur Oberkirche (Basilika St. Cyriakus) eröffnet

1931 – Auf Initiative von Clara Gerlach und Beta Kretzschmar stellt die Stadt Duderstadt zwei Räume der städtischen Knabenschule als Ausstellungsräume für ein Heimatmuseum zur Verfügung

1930-er Jahre – Die Ausstellungsräume werden als Versammlungsräume der örtlichen Hitlerjugend genutzt

Zweiter Weltkrieg – Das Gebäude wird vollständig geräumt, um Flüchtlinge einzuquartieren

1953 – Brand im Dachstuhl

1959 – Wiedereröffnung des Museums in einem Teil der Räume

1960 – Stadt und Kreistag übernehmen die Trägerschaft des Museums

1969 – Alle Etagen stehen als Ausstellungsfläche zur Verfügung

1983 bis 1986 – Umfangreiche Sanierungen des Gebäudes

1986 – Erweiterung des Themenangebotes

1990 – Eröffnung des Museumsgartens

2009 – Wasserschaden mit Teilsanierung

2011 – Erweiterte Konzeption „Erfahren – Erleben – Ausprobieren“

2020 – Schließung des Museums aufgrund baulicher Mängel und fehlender Gelder

 

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