Gastbeitrag: „Es ist ein Ros entsprungen“ – Eine spannende Spurensuche bis ins Jahr 1007

Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ ist weltbekannt. Über seine Entstehungsgeschichte seit 1007, die Bewahrung des Liedes bis in die Gegenwart und seinen Bezug zum Eichsfeld, hat der Heimatforscher Peter Anhalt 2020 in der Eichsfelder Heimatzeitschrift berichtet. Als Gastbeitrag ist die Geschichte hier nochmal nachzulesen:

 

„Es ist ein Ros entsprungen“ – Auf den Spuren eines alten Weihnachtliedes

Gastbeitrag von Peter Anhalt

Das Dorf Pöhlde, unweit der Eichsfeldgrenze gelegen, hat eine bedeutende Geschichte aufzuweisen. In Duderstadt ist der Pöhlder Hof bekannt, und die frühere Bedeutung Pöhldes kommt in Duderstädter Martinslied zum Ausdruck, wenn es dort heißt: „Pähle is ne grate Stadt, krieget alle kleine Kinder wat.“

1952 feierte Pöhlde sein eintausendjähriges Jubiläum. Unter tatkräftiger Mitwirkung des Journalisten und Heimatforschers Otto Zander wurde ein Festumzug mit Bildern aus der Ortsgeschichte gestaltet. Natürlich kam auch die Geschichte der dortigen bedeutsamen Kaiserpfalz und des Benediktinerklosters zur Darstellung. Für das neunte Bild des Festumzuges waren Schulkinder verantwortlich. Es heißt dazu: In der Weihnachtsnacht 1007 „entstand im engen Klosterfriedhof das alte wohlbekannte Weihnachtslied [„Es ist ein Ros entsprungen“]. Mit dem Kaiser Heinrich begaben sich die Mönche in die Kirche. Vom Rhumesprung, vom Vorwerk auf dem Rotenberg, von den Dörfern in der Runde kamen fromme Landleute und füllten zur H. Weihnachtsmesse das Gotteshaus. Laurentius hütete das Tor. Nun wanderte er wartend im engen Friedhof auf und nieder. Ein stiller Friede lag auf seinem Angesicht, der Stern von Bethlehem hatte auch ihm gestrahlt. Unter seinen Füßen knirschte der Schnee. Da fiel der Schein seiner Hornlaterne auf einen trockenen Rosenstrauch. Und siehe ‒ am Ende des Zweigleins leuchtete ein blühendes Röslein. Behutsam brachen seine Finger die zarte Blume. In seinem Herzen aber kommen und gehen die Gedanken und formen sich zu Versen.“

Otto Zander machte schließlich die „alte Legende“ von der Entstehung des Weihnachtsliedes in Pöhlde mit seinem in mehreren Auflagen erschienenen Buch „Historische Streifzüge durch den Südharz“populär.

Im Jahr 2016 veröffentlichte der Quedlinburger Volksliedersammler Ernst Kiehl in der Zeitschrift „Unser Harz“ einen interessanten Beitrag zu dem beliebten Weihnachtslied. Er suchte nach den Quellen des im Pöhlder Festumzug dargestellten Ereignisses und fand eine recht junge Erzählung aus dem Jahr 1929. Trotz großen Bemühens war kein älterer Nachweis für die zu Herzen gehende Weihnachtsgeschichte aufzufinden. Als Autor nannte Kiel einen in Frankfurt wirkenden Josef Gottlieb. Doch die Ortsangabe ist irreführend. Im Eichsfeld jedoch ist Josef Gottlieb kein Unbekannter, jedoch besser unter seinem Pseudonym „Christian von der Eller“ bekannt.

Sein Text sei hier stark gekürzt wiedergegeben: „Es war eine sternklarer Weihnachtsnacht im Jahr 1007. Vom Kirchturm des Benediktinerklosters Poehlde am Harz läuteten die Glocken zur Christmette […] Leichter Schneefall hat die Erde bedeckt, und die Bäume und Sträucher glitzerten in schneeiger Pracht.

Auf dem Pfad, der zum Kloster hineinführt, bewegen sich dunkle Gestalten mit Laternen. Es sind Pilger, die kommen, um hier in der Stille des Klosterfriedens die Christmette zu feiern.

Als Bruder Laurentius sie herannahen sah, schob er den Riegel an der Pforte zurück, dann wanderte er, der Ankommenden harrend, im Gärtlein auf und nieder.

Unter seinen Füßen knirschte der Schnee […] sein Blick blieb haften am steinernen Brunnentrog. Zwischen dürrem Gezweig sah er ein frisches grünes Reis. Er stellte die große Holzlaterne mit Hornscheiben an die Erde und schob die welken Blätter auseinander. ‒ Da flog ein feines Rot über seine blassen Züge ‒ siehe ‒ ein blühendes Röslein mitten im kalten Winter! Er beugte sich nahe herab und brach behutsam die zarte Blume. Wie duftete sie so süß. […] Das Blümelein legte Bruder Laurentius vor der aus rohem Holz gezimmerten Krippe nieder […] indem er dies blühende, duftende Opfer darbrachte, zog des Propheten Wort durch seine Seele: ‚Und ein Reis wird hervorkommen aus der Wurzel Jesses, und eine Blume aufgehen aus seiner Wurzel.‘ […] Und als er all dem wundersamen Segen [der Christmette] nachsann, da zog es wie Musik durch seine Seele. Er nahm eine Pergamentrolle aus den Falten seines Gewandes hervor und zeichnete mit kräftigen Schriftzügen darauf, indem er leise Worte aussprach. Dann stand er behände auf, schlug einige Akkorde an, auf der kleinen Orgel […] und leise löste es sich von seinen Lippen, liebliche, weiche Töne, dann stützte er noch einmal das Haupt in die Hand – und kräftig schlug er an. Erst klangs langsam und feierlich, dann geheimnisvoll und sanft, nun lauter und freudiger wie lobsingende Anbetung: ‚Es ist ein Ros entsprungen …‘“

Ernst Kiehl weist nach, dass das beliebte Weihnachtslied keinen Bezug zum Kloster Pöhlde haben kann. Es wurde zwar von Michael Praetorius (1571‒1621), Hofkapellmeister des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, in einem vierstimmigen Chorsatz bearbeitet und in seine Sammlung „Musae Sioniae“ (1609) aufgenommen. Sein Werk ist trotz einer Umarbeitung des Textes in eine für evangelische Christen akzeptablen Fassung nicht in die Kirchenliederbücher eingeflossen. Sein Chorsatz wurde erst 1843 wiederentdeckt und veröffentlicht. In die evangelischen Gesangbücher wurde „Es ist ein Ros entsprungen“ immer noch nicht aufgenommen. Ein frühes Beispiel liefert dann das Gesangbuch für die Grafschaft Wernigerode zum Gebrauch in Kirche, Schule und Haus von 1872. Nun erst wird das alte Lied auch in der Harzgegend gesungen. Daraus ist zu schlussfolgern, dass die Erzählung über die Weihnachtsereignisse des Jahres 1007 im Kloster Pöhlde frühestens Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sein kann.
Bekannt ist hingegen, dass Pöhlde eine beliebte Weihnachtspfalz deutscher Könige und Kaiser war. Bei der dortigen Kirche befand sich ein alte, verwitterte Grabplatte, auf der noch ein Kreuz und eine Rose zu erkennen waren.

 

Bruder Lautentius findet im winterlichen Garten des Benediktinerklosters Pöhlde eine blühende Rose (Auszug aus der Festschrift zum 1000-jährigen Jubiläum Pöhldes 1927)

 

Nur diese zwei Bezüge lieferten den Rahmen für die Weihnachtsgeschichte. Und da die Eichsfelder Heimatzeitschrift vorrangig von Eichsfelder Lesern gelesen wird, könnte ebenso ergänzt werden, dass Christan von der Eller zu erwähnen vergaß, dass jener Pater Laurentius im benachbarten Duderstadt geboren wurde. Bekanntlich wird der Heilige gleichen Namens hier sehr verehrt.

Aber dennoch: Auch wenn feststeht, dass die wunderbare Pöhlder Weihnachtsgeschichte keinerlei historischen Bezug hat, so ist dem beliebten Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ im Eichsfeld eine lange Geschichte beschieden, deren Spuren nun nachgegangen werden soll.

„Es ist ein Ros entsprungen“ wurde zum ersten Mal 1599 in Köln, im sogenannten „Speierschen Gesangbuch“ gedruckt. Es hatte 23 Strophen und wurde mit der heute noch üblichen Melodie gesungen. Sechs Jahre später wurde es im Mainzer Cantual mit der Überschrift „Das alte Catholisch Triersch Christliedlein“ veröffentlicht. Auch in den Gesangbüchern anderer Diözesen wurde das Lied aufgenommen. Es ist also festzustellen, dass „Es ist ein Ros entsprungen“ im Rheinland entstanden ist und auch schon vor 1600 gesungen wurde. Vor allem die ersten beiden Strophen passen sehr gut in eine mittelalterliche Entstehungszeit.

 

Buchmalerei aus der Zainer Bibel (Augsburg 1477) Aus der Wurzel Jesse geht Maria mit dem Jesuskind hervor. So am Schreibpult stehend, wie der Prophet Jesaja ín dieser Darstellung seine Prophezeiung niederschreibt, so könnte ein mittelalterlicher Mönch bei der Betrachtung der Wurzel-Jesse-Darstellung das Weihnachtslied niedergeschrieben haben. Quelle: Schäfer, Joachim: Ökumenisches Heiligenlexikon.

 

Wie bei Volksliedern durchaus üblich, beginnt das Lied mit einem Rätsel. Im Winter bringt eine Wurzel zunächst einen Rosentrieb (ein Reis) und aus diesem eine Blume hervor. In der zweiten Strophe wird das Rätsel aufgelöst. Die Rose ist Maria, die duftende Blume das Christuskind. Den meisten Lesern dieser Zeitschrift dürfte das Bildmotiv der Wurzel Jesse (Vater Davids), der Stammbaum Christi, vertraut sein. Und auch im Mittelalter war dieses Bild bekannt. Bruder Laurentius hätte also gar nicht durch eine im kalten Winter blühende Rose auf die Liedidee gebracht werde müssen. Vielmehr kannte er die Darstellung der Wurzel Jesse aus der Buchmalerei, von Altären und Fenstern.

Mit dem Eichsfelder Kirchengesang haben sich vorrangig Johann Wolf und Karl Wüstefeld beschäftigt. Sie vermuten und weisen über Indizien nach, dass in unserer Gegend vor dem Erscheinen des Eichsfelder Gesangbuches aus Kölner Gesangbüchern – weil die ersten Jesuiten aus Köln stammten – und aus dem oben genannten Mainzer Cantual – weil Mainz für das Eichsfeld zuständig war – gesungen wurde.

Als 1668 in der Druckerei von Johann Westenhoff zu Duderstadt ein „Eißfeldisches Gesang-Buch“ erschien, war auf Seite 21 das Weihnachtslied „Es ist ein Roß entsprungen“ abgedruckt. Als Melodiehinweis ist zu lesen: „In bekanndtem Thon“. Diese Bemerkung zeigt, dass das Lied auch vor 1668 in Eichsfeld gesungen wurde. Für das Eichsfelder Gesangbuch ist das original 23-strophige Weihnachtslied auf 18 Strophen reduziert worden. Die Szenen mit den Hirten auf den Feldern, die Beschneidung des Herrn und die Drei Könige wurden weggelassen. Die letzten beiden fürbittenden Strophen sind in einer zusammengefasst.

Da heutzutage keine frühen Drucke des Eichsfeldischen Gesangbuchs greifbar sind, steht nur die 6. Auflage von 1690 zur Verfügung. Der Text des Weihnachtsliedes soll hier in originaler Schreibweise wiedergegeben werden:

„Es ist ein Roß entsprungen
auß einer Wurtzel zart
als uns die Alten sungen,
auß Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter
wol zu der halben Nacht.

Das Rößlein daß ich meine
davon Isaias sagt
ist Maria die reine
die uns dieß Blümlein bracht
auß Gottes ewigem Rath
sie hat ein Kindlein gebohren
und blieben ein reine Magd.

Die Geschicht hat uns beschrieben
Lucas mit treuer Hand
wie Gabriel der Engel
vom Himmel herab gesandt
zu einer Jungfrau fein
die Gott hat außerwehlet
sein werthe Mutter zu sein.

Der Engel unverdrossen
macht sich zum Jüdischen Land
gen Nazareth verschlossen
da er Mariam fand
in ihrem Kämmerlein
freundlich er sie anredet
gegrüst seystu Jungfrau rein.

Du bist voll der Gnaden
der Herr will bei dir seyn
doch über alle Frauen
bist du gesegnet allein
die edle Jungfrau zart
ob deß Ertz Engels grüssen
von Hertzen erschrocken ward.

Du solt dich nicht entsetzen
sprach er O Jungfrau schon
mein Red soll dich ergetzen
ich kom auß Himmels Thron
bring fröhlich Bottschaft dir
du hast Gnad gefunden
bey Gott das glaub du mir.

Ein Kindlein wirst du tragen
in deinem keuschen Leib
davon die Schrift thut sagen
O edel und seliges Weib
sein Nahm ist Jesus Christ
der Herr Gott wird ihm geben
Davids seins Vaters Sitz.

Maria die Jungfrau reine
fragt züchtig mit Verstand
wie soll doch das geschehen
kein Mann ich nie erkandt
der Engel sprach zu ihr
dieß Wunder wird verschaffen
der heilig Geist in dir.

Es wird dich überschatten
deß Allerhöchsten Krafft
und unverletzt verwahren
die reine Jungfrauschaft
dann eben das Kindlein schon
das von dir wird gebohren
ist der ewig Gottes Sohn.

Laß dich nicht Wunder haben,
das alt unfruchbar Weib
Elisabeth dein Base
geht auch mit schwerem Leib
Gott all Ding möglich ist
sie wird ein Sohn gebähren
nach dreyer Monath frist.

Maria mit Freund und Wonnen
die edle Jungfrau zart
da sie nun hätt vernommen
vom Engel Gottes Rath
sprach zu ihm wolbedacht:
Ich bin ein Magd des Herren
mir geschehe wie du gesagt.

Auß H. Geistes Kräfften
Maria bald empfing
Gottes Sohn den Himmel Fürsten
schaut Wunder und neue Ding
neun Monath er bey ihr war
sie ward ein Mutter Gottes
blieb Jungfrau rein wie vor.

Darnach in kurtzer Weilen
macht sie sich auf die Fahrt
geschwind mit schnellen eylen
zu ihrer Basen zart
zu Zacharias Haus
die wolte sie begrüssen
und warten ihrer auß.

Elisabeth die Alte
schrye laut mit heller Stimm
gesegnet über alle
bistu O Jungfrau rein
und deines Leibes Frucht
woher meines Herren Mutter
daß sie mich heimgesucht.#

Da die edle keusche Magd
drey Monat gewesen bey ihr
gieng sie wieder unverzagt
mit grosser Freud von ihr
gen Nazarath gar still
sie wolt der Zeit erwarten
biß daß geschehe Gottes Will.

Wol zu denselben Zeiten
der starcke und friedsame Held
Augustus Römischer Kayser
beschrieb die gantze Welt
den Zins von allen nam
da Joseph und Maria
gen Bethlehem auch kam.

Die Herberg waren theuer
sie fanden kein Auffhalt
sie kamen in ein Scheuer
da war die Lufft auch kalt
wol in derselben Nacht
Maria gebahr den Fürsten
der uns den Frieden bracht.

Wir bitten dich von Hertzen
Maria Rose zart
durch dieses Bümleins Schmertzen
die es empfunden hat
Wöllest uns verhülfflich seyn
daß wir ihm mögen machen
ein Wohnung hübsch und fein.“

 

Wie zu sehen ist, wird nach den ersten beiden wohl ursprünglichen rätselhaften Strophen fast die ganze Weihnachtsgeschichte erzählt. Dann folgt als Abschluss eine Strophe bittenden Charakters.

 

Erstdruck im Speyerer Gesangbuch von 1599 (Quelle: Wikipedia)

 

Dem Eichsfelder Gesangbuch war eine unglaublich lange Wirkungsgeschichte von fast 150 Jahren beschieden. Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ ist in allen Auflagen bis auf Rechtschreibkorrekturen unverändert übernommen worden. Die letzten Ausgaben erschienen in Heiligenstadt. So erreichte das Buch mit mindestens 24 Auflagen, bis die Ausläufer der Aufklärung auch das Eichsfeld erreichten.

Mit der Berufung des Kommissarius Gottfried Franz Würschmidt (1751‒831) und seinem Assessor Johann Georg Lingemann (1770‒1830) im Jahr 1811 begann im Eichsfeld der sogenannte Gesangbuchstreit. Es sollte ein neues, der Aufklärung verpflichtetes Gesangbuch eingeführt werden. Die Lieder waren meist belehrenden Inhalts und sprachen nicht die Gefühle der Menschen an. In der Diözese Mainz war es schon länger im Gebrauch, aber entgegen erzbischöflicher Empfehlung im Eichsfeld ignoriert worden. Es war von dem aus Erfurt stammenden Pfarrer Ernst Xaver Turin zusammengestellt worden und wurde deshalb umgangssprachlich „Turinsches Gesangbuch“, im Eichsfeld einfach „neues Gesangbuch“ genannt. Unser schönes Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ fehlte nun.

Viele Eichsfelder wehrten sich gegen die Einführung des neuen Gesangbuches. Zur Durchsetzung bedurfte es schließlich sogar staatlicher Gewalt. Nicht wenige Gegner fanden sich wegen ihres Widerstandes im Zuchthaus wieder. Dennoch wurde vielerorts das Eichsfelder Gesangbuch weiterhin verwendet. Der Widerstand gegen das neue Gesangbuch ist bis 1848 aktenkundig. Für Privatandachten wurde es wohl noch lange danach genutzt.

Erst Kommissarius Conrad Zehrt (1806‒1897) und Bischof Konrad Martin (1812‒1879) sahen ein, dass das „neue Gesangbuch“ unzureichend war. So konnte unter Zehrt 1866 ein neues Gesangbuch herausgegeben werden. Bearbeiter war Theodor T. Tilike (1811‒1887), Pfarrer im Eichsfeld, dann Kommissariatsassessor bis1869, schließlich pensionierter Pfarrer in Heiligenstadt.

Während seine Dichtungen und Lieder durchaus gelobt werden, geht er bei der Bearbeitung älterer Lieder ziemlich rücksichtslos vor, wie im Falle unseres Liedes noch gezeigt wird. Dennoch hat er das Verdienst, dass die alten Kirchenlieder wieder in das von ihm bearbeitete Gesangbuch aufgenommen wurden. Im diesem Gesangbuch ist das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ unter der Nummer 64 zu finden. In der Bearbeitung von Tilike hat das Lied neun Strophen. Beispielhaft sollen die beiden ersten wiedergegeben werden:

„Es ist ein Ros‘ entsprungen
aus einer Wurzel Saft,
die Seher viel besungen,
von Jesse kam der Schaft,
dem eine Blum‘ entblüht
im Winter, Nachts, da droben
wohl Stern an Stern geglüht.

Die Rose, die ich meine,
von der Isajas sagt,
das war die lilienreine
Maria, Gottes Magd,
die nach des Höchsten Rath
das Christkind uns geboren
in Davids Königsstadt.“

Tilike wollte durch seine Veränderungen das Lied verständlicher machen, gelungen ist es ihm nicht. Noch schlimmer klingt für uns die Schussstrophe, in der das Wort „Reichsgenossen“ vorkommt.

Glücklicher konnten die zum Bistum Hildesheim gehörenden Katholiken sein, als Kaplan Josef Friedrich Becker (1833‒1906) 1878 dem Turinschen Gesangbuch Lieder aus dem Eichsfelder Gesangbuch anfügte, so auch unter der Nummer 546 „Es ist ein Ros entsprungen“. Das Lied hat hier ebenfalls neun Strophen, die jedoch weitestgehend im ursprünglichen Wortlaut abgedruckt sind.

Als 1904 in Heiligenstadt das Gesangbuch „Lobet den Herrn!“ herauskam, erscheint unser Lied unter der Nummer 55 mit nur noch drei Strophen. Die 3. Strophe entspricht der letzten aus dem Eichsfelder Gesangbuch. Mit der letzten Auflage des Gesangbuches „Lobet den Herrn“ im Jahr 1955 endet eine fast 300-jährige eigenständige eichsfeldische Gesangbuchtradition.

Machen wir nun einen großen Sprung in die Gegenwart. 2013 wurde ein neues Gotteslob eingeführt und das Lied Nr. 243 mit einem „ö“ für ökumenisch gekennzeichnet. Die ersten beiden Strophen sind allerdings in der ursprünglichen, also katholischen Textversion, abgedruckt, wie sie auch dem Eichsfelder Gesangbuch entsprechen. Als dritte Strophe wird die des lutherischen Pfarrers Friedrich Layriz (1808–1859) verwendet. Er dichtete 1844 „Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß …“ Diese Variante hatte sich in Deutschland allgemein durchgesetzt und fand deshalb auch Aufnahme im Katholischen Gebet- und Gesangbuch.

Fazit

War der Ausgangspunkt für dieser Untersuchung die liebliche, aber unglaubwürdige Erzählung zur Entstehung des Weihnachtsliedes „Es ist ein Ros entsprungen“ im benachbarten Pöhlde, so stellte sich im Laufe der Bearbeitung heraus, dass das Lied im Eichsfeld eine durchaus interessante und eigenständige Geschichte aufzuweisen hat.

In der Zeit der Aufklärung verschwand das schöne Weihnachtslied deutschlandweit aus katholischen Gesangbüchern, um dann im 19. Jahrhundert von der Volkstumsforschung wiederentdeckt zu werden. Im Eichsfeld hat es auf Grund des Beharrungsvermögens der Bevölkerung am Eichsfeldischen Gesangbuch weiterhin Bestand gehabt. Ein Wiederentdecken des Liedes war wohl nicht nötig. Die Zeitspanne von ca. 20 Jahren, in der das Lied nicht gesungen wurde, ist recht kurz gewesen.

Allerdings gab es das Lied in den kirchlicherseits vorgeschriebenen Gesangbüchern auch hier von 1811 bis 1866 nicht mehr. Als auch die Behörden den Wert der alten Kirchenlieder neu entdeckten, wurde selbstverständlich auch das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ in das neue Gesang- und Gebetbuch, allerdings zunächst in einer etwas unglücklichen Bearbeitung (1866) aufgenommen. Im Untereichsfeld (Bistum Hildesheim) fand die Aufnahme des Liedes 1879 im originalen Text mit neun Strophen in das Gesangbuch.

Die Texte haben im Laufe der Zeit leicht variiert, die Faszination des Liedes ist nach wie vor geblieben. So wird das rätselhafte und etwas geheimnisvolle Weihnachtslied mit seiner ebenso altehrwürdigen Melodie auch heute im Eichsfeld gern gesungen. Es ist nur folgerichtig, wenn Ernst Mehler es sogar in sein „Eichsfelder Liederbuch.“ aufnahm.

Wenn „Es ist ein Ros entsprungen“ auch am Rhein entstand, so kann das Lied nach einer fast 350-jährigen Gesangstradition mit zum Teil eigenen eichsfeldischen Textvarianten durchaus zum Kulturgut des Eichsfeldes gezählt werden.

Von Peter Anhalt

Der Auszug aus der Eichsfelder Heimatzeitschrift vom Dezember 2020 mit sämtlichen Anmerkungen des Autors ist HIER nachzulesen.

 

(Titelbild: Madonna im Rosenhag von Martin Schongauer, 1473; Quelle WikiCommons)

 

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