Seit mehr als 120 Jahren gehörte das Backsteinhaus in der Duderstädter Haberstraße 7 der evangelischen Kirchengemeinde St. Servatius. Nun heißt es Abschiednehmen. Wegen nur noch geringer Nutzung, fehlender Barrierefreiheit und hoher Kosten hat sich der Kirchenvorstand schweren Herzens entschieden, das Gebäude zu verkaufen. Bei einem letzten Fest wurden die Schlüssel symbolisch an die neuen Eigentümer Sebastian und Heidi Otto übergeben, die dort Wohnraum schaffen möchten.

Insgesamt sollen an dem lichtdurchfluteten Altbau im Stadtzentrum von Duderstadt drei bis vier Wohnungen entstehen, eine davon auf jeden Fall barrierefrei, erklärte Sebastian Otto. Auch ein Stück vom Gemeindegarten wurde mit verkauft und kann von den zukünftigen Bewohnern genutzt werden. „Unser Garten vom Pfarrhaus grenzt dort an, und wir freuen uns auf eine gute Nachbarschaft“, sagte Pastorin Christina Abel bei der symbolischen Schlüsselübergabe.


1904 wurde das evangelische Gemeindehaus vom Duderstädter Architekten Franz Borchard (1865 – 1946) entworfen. 1905 konnte es erbaut werden. Die wechselvolle Geschichte recherchierte Kirchenvorstandsmitglied Jürgen Sczuplinski und veröffentlichte diese aus der Sicht des Hauses im Gemeindebrief. Den las zum Abschied Anja Werner, Ortskirchenvorstand der St. Servatiusgemeinde Duderstadt, vor.
Zusammenfassend die wichtigsten Daten: In den ersten Jahren fand im Gemeindehaus unter anderem der Posaunenchor Platz zum Proben. Als dann der Erste Weltkrieg begann, wurde das Gemeindehaus als Lazarett des DRK genutzt, wobei auch Gemeindemitglieder mithalfen, die Patienten zu versorgen. Und auch im Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude umfunktioniert zum Hilfskrankenhaus. Kurz nach dem Krieg, von Juni bis Oktober 1945, wurde dann eine Entbindungsstation als Außenstelle des Krankenhauses St. Martini eingerichtet.
In den 1960-er Jahren zog die Gemeindeschwester Ursula Meißer ein und blieb über 20 Jahre die „gute Seele“ des Hauses. Zudem praktizierte dort ein Arzt für Allgemeinmedizin. Bis 1970 war in einem Raum auch die evangelische Gemeindebücherei untergebracht, die dann in die Stadtbibliothek integriert wurde. Ab 2012 bis 2024 hatte die Tafel hier ihre Ausgabestelle von Lebensmitteln an Menschen mit geringem Einkommen (neue Ausgabestelle ist das ehemalige Sporthaus an der Talwiese, hinter dem Freibad).
Mit Leben gefüllt wurde das Haus in der Haberstraße außerdem durch Konfirmandenunterricht, Kinderchor, Kantorei, sowie weitere Musik- und Gymnastikgruppen, Kaffeenachmittage, Gemeindetreffen und vieles mehr.

„Die Nutzung hat sich gewandelt, und vor allem in den vergangen Jahren ist es merklich ruhiger geworden“, erklärte Anja Werner. Zudem sei der große Saal im ersten Obergeschoss nicht barrierefrei zugänglich und für den Gebäudeunterhalt stünden zu wenig Mittel zur Verfügung. Somit habe sich der Kirchenvorstand im Jahr 2024 nach langen Beratungen entschieden, das Gemeindehaus in der Haberstraße zu verkaufen, dafür aber in das Pfarrhaus, Marktstraße 6, zu investieren und es barrierearm zu gestalten.
Zum Abschied trafen sich Gemeindemitglieder, Nachbarn, ehemalige Konfirmanden und Freunde, um bei Kaffee und Kuchen Erinnerungen auszutauschen und den neuen Eigentümern beste Wünsche für den Umbau auszusprechen.
Titelbild: Die neuen Eigentümer Heidi und Sebastian Otto, Ortskirchenvorstand Anja Werner und Pastorin Christina Abel bei der symbolischen Schlüsselübergabe
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