„Duderstadt mit Clara-Gerlach-Würdigung als Frauenort?“ – Gastbeitrag von Doris Glahn

Die Duderstädterin Doris Glahn hat sich auf Spurensuche nach einer beeindruckenden Frau begeben, deren Name heute vor allem noch durch einen inzwischen wieder instand gesetzten Barockgarten in Erinnerung geblieben ist: Clara Gerlach (1885 – 1960). Ihre Forschungsergebnisse und Ambitionen für die Sichtbarmachung von besonderen Frauen im Eichsfeld hat Doris Glahn in einem Gastbeitrag im Eichsfeld-Blog veröffentlicht:

Duderstadt mit Clara-Gerlach-Würdigung als Frauenort?
Von Doris Glahn

In der Buchreihe „Lebensbilder, Ausgabe 2027“ möchte ich eine außergewöhnliche Frau der Duderstädter Stadtgeschichte wieder stärker in den Blick rücken: Clara Gerlach. Gleichzeitig habe ich Kontakt mit dem Landesfrauenrat aufgenommen, mit dem Ziel, Duderstadt mit Clara Gerlach als Frauenort bei der Initiative FrauenOrte Niedersachsen auszuzeichnen. Beide Anlässe würdigen eine Persönlichkeit, die das kulturelle Leben der Stadt über Jahrzehnte hinweg entscheidend geprägt hat.

Vielen Duderstädterinnen und Duderstädtern ist der Clara-Gerlach-Garten ein Begriff. Doch wer war die Frau, deren Name bis heute mit der Stadt verbunden ist? Meine Recherchen im Stadtarchiv von Duderstadt zeichnen das Bild einer beeindruckenden Persönlichkeit, die sich mit außergewöhnlichem Engagement für Kunst, Kultur und die Bewahrung ihrer Heimatstadt einsetzte.

Clara Gerlach wurde am 20. August 1885 in Duderstadt als zweites Kind des Druckereibesitzers und Papierwarenfabrikanten Gustav Gerlach geboren. Sie legte in Kassel ein Examen als Zeichenlehrerin ab, absolvierte in München eine Ausbildung als Goldschmiedin und lernte in Berlin Bildhauerin.

Clara Gerlach erkannte früh den historischen Wert der Fachwerkhäuser und der historischen Bauwerke von Duderstadt und setzte sich für den Schutz und Erhalt ein. Darüber hinaus war sie als Künstlerin über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Besonders ihre kunstvollen Bernsteinarbeiten fanden große Anerkennung. Sie entwarf unter anderem Schützen- und Amtsketten sowie Gemeindewappen. Ein bis heute sichtbares Zeugnis ihres Schaffens ist bis heute am Turm der St. Servatius Kirche zu sehen: Den Fries und den Wetterhahn hat sie entworfen.

Mitbegründerin des Heimatmuseums

Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit engagierte sich Clara Gerlach intensiv in der Geschichtsforschung. Auf ihre Initiative hin wurden archäologische Grabungen, etwa am Euzenberg, durchgeführt. Ihr Wirken führte schließlich dazu, dass sie mit der Organisation einer Ausstellung im Rathaus anlässlich der 1000-Jahr-Feier der Stadt betraut wurde. Die Ausstellung entwickelte sich zu einem großen Erfolg und gab den entscheidenden Impuls zur Gründung eines Museumsvereins mit dem Ziel, ein Heimatmuseum einzurichten. Clara Gerlach war von Anfang an aktives Vorstandsmitglied.

Die Umsetzung dieses Vorhabens war jedoch mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Geeignete Räume fehlten und viel Überzeugungsarbeit musste geleistet werden. Schließlich stellte die Stadt Räume in der ehemaligen Knabenschule neben der Oberkirche zur Verfügung. Mit großem persönlichem Einsatz gewann Clara Gerlach Unterstützer, organisierte Spenden. Am 1. Dezember 1931 konnte das Heimatmuseum mit ersten Ausstellungsräumen eröffnet werden. Clara Gerlach übernahm von Beginn an die Leitung und wurde zur treibenden Kraft der Einrichtung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Räume zur Unterbringung von Flüchtlingsfamilien benötigt. Die Museumsbestände mussten kurzfristig ausgelagert werden. Clara Gerlach organisierte Lagerorte, um die wertvollen Exponate zu sichern. Dennoch gingen bei einem späteren Dachstuhlbrand rund 300 Objekte verloren.

Nach dem Auszug der Flüchtlingsfamilien begann sie nahezu bei null mit dem Wiederaufbau des Museums. Trotz der zusätzlichen Verantwortung als inzwischen alleinige Inhaberin der Druckerei Gerlach widmete sie sich weiterhin mit ganzer Kraft dem Museum. Erst 1959 – nach jahrelanger Aufbauarbeit – konnte das Museum wiedereröffnet werden. Dieser Erfolg ist in hohem Maße Clara Gerlachs Beharrlichkeit und Engagement zu verdanken.

Clara Gerlach prägte das kulturelle Leben Duderstadts über Jahrzehnte hinweg maßgeblich. Ihr Einsatz für den Erhalt der Stadtgeschichte und ihr unermüdliches und uneigennütziges Engagement für das Heimatmuseum und ihre Heimatstadt machen sie zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der jüngeren Stadtgeschichte. Sie wurde als eine der führenden Frauen in der niedersächsischen Heimatbewegung weit bekannt.

Auszeichnung mit der Heimatplakette

Als erste Trägerin der Heimatplakette des Landkreises wurde sie im September 1960 für ihr außergewöhnliches Engagement geehrt. Landrat Karl Diedrich würdigte ihre Verdienste in Kunst, Urgeschichtsforschung und Heimatpflege und hob hervor, dass sie eines der schönsten Heimatmuseen Südniedersachsens geschaffen habe. Kurze Zeit später verstarb sie.

Der Aufbau des Museums in Duderstadt war kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis jahrelanger, mühevoller Arbeit, getragen von Idealismus und Heimatverbundenheit. Umso bedauerlicher ist es, dass der Wunsch des 1964 aufgelösten Museumsvereins, einen Raum im Museum nach Clara Gerlach zu benennen, unerfüllt blieb.

Erhalten geblieben ist jedoch der von ihr geprägte und gepflegte Barockgarten. Der heute als Clara-Gerlach-Garten bekannte historische Garten, ist der letzte erhaltene Barockgarten seiner Art in Duderstadt und als Gartendenkmal geschützt.
Ihr Vermächtnis mahnt nicht nur zur Bewahrung von Geschichte – sondern auch zur Verantwortung gegenüber dem kulturellen Erbe der Stadt.

 

Der Clara-Gerlach-Garten in Duderstadt

 

Die ausführliche Darstellung des Lebens von Clara Gerlach erscheint in der nächsten Auflage „Lebensbilder“. Zu meinem Vorschlag, Clara Gerlach in der Reihe FrauenOrte Niedersachsen aufzunehmen, steht das Ergebnis noch aus. Ihr Lebenswerk zeigt jedoch eindrucksvoll, welchen nachhaltigen Beitrag Frauen zur Geschichte und kulturellen Identität unserer Stadt geleistet haben.
Meine Recherchen im Stadtarchiv wären ohne die großartige Hilfe und fachkundige Unterstützung von der Kunsthistorikerin und Stadtarchivarin Sandra Kästner nicht möglich. Hierfür möchte ich ihr sehr herzlich danken.

Doris Glahn

 

Hintergrund-Informationen:

Das Schaffen und Wirken von Frauen kommt in der Geschichtsschreibung bisher nur wenig vor. Das mag unter anderem daran liegen, dass Frauen jahrhundertelang unterdrückt wurden und kaum Rechte hatten, was ein paar Beispiele zeigen: 1918 wurde in Deutschland das Wahlrecht für Frauen zugelassen, ab 1958 durften Frauen ein eigenes Konto eröffnen und selbst über ihr Geld verfügen, bis 1977 brauchten sie die Zustimmung des Ehemanns für eine Erwerbsarbeit, erst seit 1997 gilt Vergewaltigung in der Ehe als strafbar. Jahrhundertelang wurden also berufliche, künstlerische oder politische Aktivitäten von Frauen erheblich erschwert und ihr Engagement fand selten Erwähnung in historischen Aufzeichnungen. Zudem war das Interesse in der männlich dominierten Geschichtsforschung an Frauenaktivitäten kaum vorhanden.

Da inzwischen immer mehr Historikerinnen, Kunsthistorikerinnen und Literaturforscherinnen die Frauengeschichte neu beleuchten, und man dank technischer Fortschritte und archäologischer Erkenntnisse gesellschaftliche Zusammenhänge vergangener Jahrhunderte neu interpretieren muss, finden zunehmend bedeutende Frauen (auch namenlose) ihren Platz in der Geschichtsschreibung. Das gilt nicht nur für Wikingerinnen, die zuerst als männliche Kriegerkönige „identifiziert“ wurden, oder jungsteinzeitliche Persönlichkeiten wie die Schamanin von Bad Dürrenberg (die 1934 als der männliche Ur-Arier die völkisch-nationalistische Ideologie der Nazis unterstreichen sollte), sondern auch für zahlreiche Künstlerinnen, Musikerinnen, Literatinnen, Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen und Frauenrechtlerinnen der vergangenen Jahrhunderte.

Auch im Eichsfeld gab und gibt es viele namentlich nicht genannte Frauen, die das gesellschaftliche Leben, gemeinschaftlichen Zusammenhalt, ethische Werte, Kunst, Kultur und sozialpolitische Entwicklungen maßgeblich mitgeprägt haben – auch wenn die Lorbeeren meistens ihre Ehemänner, Väter, Brüder oder Kollegen ernteten. Wir dürfen dennoch gespannt sein, welche Einblicke uns die moderne Wissenschaft und Geschichtsforschung noch gewährt – insbesondere in Zeiten, wo wieder einmal Ideologien Fakten ersetzen sollen. (ny)

Die Buchreihe „Eichsfelder Lebensbilder“ erscheint im Cordier Verlag und ist im Buchhandel erhältlich.

(Titelbild: Clara Gerlach, Foto: Archiv Mecke)

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