„(Don´t) stop motion“ – das preisgekrönte Filmprojekt über die Flucht von Jugendlichen wurde im Grenzlandmuseum vorgestellt

Warum verlässt ein junger Mensch alles, was ihm Heimat war? Warum begibt er sich auf eine lebensgefährliche Reise, ohne zu wissen, was ihn am fremden Ort erwartet? Das Filmprojekt „(Don´t) stop motion“ über die Flucht von Zahra, Ahmad und Muntazar wurde nicht nur mit mehreren Preisen ausgezeichnet, sondern versteht sich zugleich als medienpädagogischer Workshop und interkultureller Begegnungsort. In der Bildungsstätte des Grenzlandmuseums Eichsfeld wurde das Projekt vorgestellt.

Der vieldeutige Titel „(Don´t) stop motion“ enthält u.a. den Hinweis auf die Stop-Motion-Technik, die verwendet wurde, um Bilder von Lebenssituationen und -stationen der drei jungen Geflüchteten entstehen zu lassen – Bilder, die es außerhalb der eigenen Erinnerungen nur in dieser Kunstform gibt, und die in ihrer simplen Machart in Kombination mit persönlichen Interviews tief berührende Geschichten erzählen:
Muntazar hat Verfolgung und Repressalien in seinem Heimatland Irak erlebt, weil seine schiitische Familie einem Sunniten in Bagdad das Leben gerettet hatte. Zahra musste in Afghanistan nach dem Tod ihres Vates als Aushilfe in einer Schneiderei den Familienunterhalt verdienen, bekam aber keinen Lohn mehr, nachdem sie intimere Dienste verweigert hatte. Ahmad lebte als Afghaner mit seiner Familie rechtslos im Iran, bis er die Diskriminierung dort nicht mehr aushielt und die Gefahren der Flucht für die Chance auf Freiheit und Selbstbestimmung in Kauf nahm. Durch Zufall kamen alle drei Geflüchteten auf unterschiedlichen und gefährlichen Reisen nach Erfurt.

Aus einem „Sommerferienprojekt“ wird ein nachhaltiges Anti-Rassismus-Projekt

Die Initiatoren des Filmprojektes, die beiden Medienpädagogen Franziska Bausch-Moser und Niels Bauder, sind über einen Aufruf in Erfurt auf die drei Geflüchteten gestoßen, eigentlich um ein „vierwöchiges Sommerferienprojekt“ zu Fluchtgeschichten durchzuführen, erklärte Niels an dem Abend im Grenzlandmuseum. Daraus sind inzwischen zwei Jahre Arbeit und ein äußerst nachhaltiges Projekt gegen Rassismus und für Demokratie und Weltoffenheit geworden. „Wir wollten keinen Film über Menschen auf der Flucht machen, sondern ein gemeinsames Projekt“, erklärte Franziska. Zum Herstellen der Requisiten und Szenenbilder aus Altpapier und Stoffresten konnten zudem noch weitere (nicht-geflüchtete) junge Menschen aus Erfurt begeistert werden, sodass ein internationales Kreativ-Team entstand. Die Zahra-, Muntazar- und Ahmad-Puppen für den Stop-Motion-Film stellten die drei Protagonisten selbst her, um damit ihre eigene Geschichte zu erzählen. Im Film werden die individuellen Gründe für die Flucht, die Gefahren auf der Reise, die unterschiedlichen Stationen in Flüchtlingslagern, die Ungewissheit und Verzweiflung, aber auch Hoffnung, persönliche Stärke und Weiterentwicklung der drei Protagonisten geschildert. Ihr Denken und Handeln wird emotional verständlich und nachvollziehbar.

 

„don´stop motion“ Muntazar, Ahmad und Zahra bei den Dreharbeiten (Foto „don´t stop motion)

 

Unter der Moderation von Andrea Heinemann (Partnerschaft für Demokratie im Eichsfeld) gab es nach dem 60-minütigen Film weitere Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Projektes und in das heutige Leben der drei Protagonisten: Zahra macht gerade ihr Abitur, Muntazar hat eine Ausbildung als Erzieher angefangen und Ahmad arbeitet ebenfalls, hat aber auch den Schüler-Workshop am Vormittag im Grenzlandmuseum und die abendliche Präsentation mit begleitet. In der Diskussion mit dem Publikum kamen auch aktuelle Probleme in Deutschland, z.B. Diskriminierung oder langwierige Bürokratie, zur Sprache. Außerdem wurde klar, dass vor allem das Gemeinschaftserlebnis und die kreativen Aufgaben beim Dreh, Identifikation, Austausch und die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung maßgeblich dabei geholfen haben, um hier in Deutschland Fuß zu fassen – also Werte, die für alle Menschen gleichermaßen bedeutsam sind, um eine gewisse Zufriedenheit im Leben zu erlangen. Die Flucht mit all ihren Konsequenzen hat Wunden hinterlassen, die aber dank eines friedvollen und selbstbestimmten Lebens heilen könnten. Die Narben werden bleiben.

Das Film-Team bietet auf Basis des Films Präventions-Workshops gegen Rassismus für Schulklassen an sowie weiterführende Diskussionsrunden gegen Alltagsrassismus. „In den Workshops bekommen wir Feedbacks der Schüler*innen, dass sie neue Erkenntnisse erlangt oder ihre Meinung gewechselt haben“, sagte Niels, und Franziska ergänzte: „Es kommt vor, dass auch Klassenkamerad*innen sich plötzlich trauen, ihre eigene Fluchtgeschichte zu erzählen. Wir können das in einem eintägigen Workshop nicht weiter begleiten, daher ist eine sensible Nachbearbeitung durch die Lehrkräfte sehr wichtig.“
Weitere Infos zum Filmprojekt gibt es auf der Website: https://dontstopmotion.de/

„Das ist rassistisch!“

Zum Abschluss gab es noch Tipps zu Handlungsmöglichkeiten bei Alltagsrassismus: Wer eine solche Situation beobachtet, sollte 1.) das Problem direkt benennen: „Das ist rassistisch!“. 2.) hilft es, sich direkt an das Opfer zu wenden, um ihm das Gefühl zu vermitteln, nicht allein zu sein. Wenn diese beiden Handlungsmöglichkeiten zu gefährlich werden, kann man 3.) für Ablenkung sorgen, um die Gefahr einer möglichen Eskalation aufzulösen. 4.) könnte man andere Personen mit einbinden und um Hilfe bitten und 5.) hilft es, die Situation zu dokumentieren, um Beweise zu sichern.

Małgorzata Cebulska, pädagogische Mitarbeiterin im Grenzlandmuseum Eichsfeld, verwies noch einmal auf die derzeit laufende Sonderausstellung „eye-land: heimat, flucht, fotografie“ wo ebenfalls künstlerisch umgesetzte Einblicke zum Thema Flucht von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgestellt werden. Die Ausstellung ist noch bis Ende März 2023 während der Öffnungszeiten im Grenzlandmuseum zu sehen.

 

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