Vom Pestbuch bis zum Reiseführer: Die Geschichte der Eichsfelder Buchdruckereien

Buchdruckmeister Karl Mecke beim Einrichten einer Buchdruck Schnellpresse,1935 (Archiv Mecke)

 

Manche Erfindungen der Menschheit haben die Welt bewegt: das Rad zum Beispiel. Und der Buchdruck. Die Herstellung von Büchern (und Rädern) erforderte jahrhundertelang tiefgreifendes Fachwissen im jeweiligen Handwerk. Mit der Technisierung, und vor allem mit der Digitalisierung, haben sich die Handwerksberufe jedoch grundlegend verändert – manche sind sogar überflüssig geworden. Den Radmacher gibt es bestenfalls noch als Namen, und von den Druckerei-Familienbetrieben sind auch nicht mehr viele übrig geblieben. Im Eichsfeld ist im Jahr 2020 die Firma Mecke Druck und Verlag die einzige Buchdruckerei.

 

Druckerwerkstatt im 16. Jh., Holzschnitt aus dem Ständebuch des Jost Amman (Quelle Wikipedia)

 

Seit dem 17. Jahrhundert gab es 26 Druckereien im Eichsfeld, die größtenteils über Generationen weitergeführt wurden, davon allein 8 in Duderstadt. Das erste im Eichsfeld gedruckte Buch war das 1666 erschienene Pestbuch von Heinrich Wolf, ein „Kurzer und Nothwendiger Bericht/ Wie bey Itziger geschwinden eingerissenen Pest/ sich ein jeder auff dem Lande/ und anderswo da allemahl kein Medicus gegenwertig/ durch Göttliche Hulff Praeveriren auch Theils curiren könne“, so der ausführliche Untertitel. Das Buch war quasi ein früher Gesundheitsratgeber. Die Rezepte lesen sich wie Backbücher zur Weihnachtszeit – Muskatnuss, Nelken Zimt, Zitronenschale und allerlei mehr in Alkohol sollte die Pest kurieren – oder wie die Geheimisse einer Giftmischerin. Aber ob „Wunderblumen“-Extrakte wie Mohnsaft, Eichenlaub auf Ei oder ein Mus aus Vogelbeeren bekömmlich sind, wäre fraglich.

Die Duderstädter Druckerei Westenhoff existierte 144 Jahre, von 1665 bis 1809, und hat das Pestbuch von Heinrich Wolf herausgebracht. Das Original befand sich in der Forschungsbibliothek der Universität Göttingen, allerdings in einem erbärmlichen Zustand. Der Duderstädter Verleger Helmut Mecke übernahm im 21. Jahrhundert die Patenschaft für das Buch, ließ es digitalisieren und in ein heute verständlicheres Deutsch übersetzen. Ein Reprint des Pestbuches ist in der Chronik „Die schwarze Kunst im Eichsfeld – Aus der Geschichte der Druckereien in vier Jahrhunderten“ zu lesen (Mecke Druck und Verlag, 2008).

 

 

Die Geschichte „im Dienst des Buches“ der Familie Mecke hat ebenfalls eine lange Tradition: Im Oktober des Jahres 1901 hat Aloys Mecke in der Duderstädter Jüdenstraße eine Buchbinderei, Buch- und Papierhandlung eröffnet. 1908 kam dann die Druckerei dazu. 1970 entstand daraus die eigenständige Firma Mecke Druck und Verlag, geführt von Helmut Mecke, und 1974 die eigenständige Buchhandlung, damals geführt von Karl Mecke. Heute ist sein Sohn Christian Mecke Inhaber. Während die Buchhandlung am Stammsitz geblieben ist, zog „Mecke Druck und Verlag“ 1987 in die Christian-Blank-Straße. Die spannende Geschichte der Firmen Aloys Mecke mit Buchhandlung, Buchbinderei, Druckerei und Verlag ist ebenfalls als Buch erschienen: „100 Jahre im Dienst des Buches – 100 Jahre Mecke Duderstadt“ (2001).

 

Mecke-Stammsitz in der Jüdenstraße in den 1970-er Jahren (Archiv Mecke)

 

2020 blickt Helmut Mecke auf 50 Jahre seiner eigenen Firmengeschichte im Mecke Druck und Verlag zurück. Seit 2011 leitet sein Sohn Nils die Firma, aber als Herausgeber der Eichsfelder Heimatzeitschrift hat Helmut Mecke in einem Artikel noch einmal an die lange Tradition der Eichsfelder Buchdruckkunst erinnert. Und die ist zugleich ein Spiegel der Zeitgeschichte, eingebunden in die technische, politische und gesellschaftliche Entwicklung – nicht nur des Eichsfelds.

 

Helmut Mecke zwischen traditioneller Buchdruckkunst und Digitalisierung (Foto: Eckhard Jüngel, Archiv Mecke)

 

Artikel aus der Eichsfelder Heimatzeitschrift 11/12 2019, Text von Helmut Mecke:

„Zum 100-jährigen Bestehen von Mecke Druck und Verlag in Duderstadt im Jahr 2008 habe ich eine Chronologie der Druckereien des Eichsfeldes herausgebracht. Da mir zum damaligen Zeitpunkt bereits klar war, dass die Digitalisierung erhebliche Veränderungen in der Druckindustrie mit sich bringen und es dann unübersichtlich würde, alle Firmen zu erfassen, wollte ich für das Eichsfeld einen Überblick über das traditionsreiche Wirken der Eichsfelder Druckereien geben, solange dieser und eine exakte Recherche bereits aufgegebener Druckereien noch möglich war.
2019 – 11 Jahre nach Erscheinen des Werkes „Die Schwarze Kunst im Eichsfeld“ – hat sich meine damalige Einschätzung bewahrheitet. Die Schließung diverser Druckereien kann man auch im weiteren Umfeld des Eichsfeldes in den letzten Jahren sehr deutlich, z. B. auch in der Universitätsstadt Göttingen, beobachten. Auffallend viele Druckereien haben in den letzten Jahren aufgegeben. Im Eichsfeld stellten alle, bis auf Mecke Druck und Verlag, ihren technischen Betrieb in den traditionellen Druckverfahren Buch(Hoch)- und Offsetdruck ein. So ist nun Mecke Druck und Verlag im 111. Jahr seines Bestehens die einzige namhafte Druckerei im Eichsfeld, die noch die genannten Druckverfahren beherrscht und ausführt. Heute – 354 Jahre, nachdem 1665 der Drucker Johann Westenhoff in Duderstadt die erste Druckerei im Eichsfeld eröffnete und 551 Jahre nach dem Tod von Johannes Gutenberg in Mainz –, hat letztendlich das Aufkommen des Digitaldruckes und der ständig verfügbare Zugang zum Internet und der daraus entwickelten neuen Geschäftsabläufe entscheidend mit zum Niedergang der letzten, zum Teil traditionsreichen Druckereien in unserer Region beigetragen. Das Eichsfeld verfügt über eine herausragende Anzahl von Druckwerken, die in der nahezu 2.000 Seiten umfassenden „Eichsfeldischen Bibliographie“ von Günther Wiegand verzeichnet sind. Kaum eine vergleichbare Region in Deutschland kann einen gleich großen Umfang an Literatur vorweisen, die im Laufe von 354 Jahren, überwiegend durch die 26 Eichsfelder Druckereien, hergestellt wurde. Insgesamt waren im Laufe der Zeit 74 Drucker als Inhaber tätig, die im Schnitt etwa 22,5 Jahre ihre Druckereien führten.“

 

Übersichtstabellen der Eichsfelder Druckereien und ihrer Inhaber seit 1665 (aus „Die schwarze Kunst im Eichsfeld“):

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