Bei einem Rundgang um den Duderstädter Stadtwall keimt Hoffnung auf. Man könnte meinen, die Eichsfelder seien Trendsetter beim Thema Artenschutz – und zwar seit dem 18. Jahrhundert.
Es summt und raschelt im Laub: Vögel auf Raupen- und Insektenjagd, Mäuse auf Samensuche, Wildbienen im Blütenkelch, Kröten an den Wasserläufen und Meisen in den Nistkästen. Die kleinen Baumhäuser mit Einflugloch hat der NABU Untereichsfeld an den alten Stämmen angebracht, und zwar mit gutem Grund: Meisen sind die natürlichen Feinde der Miniermotten, welche die Blätter der Rosskastanien schädigen.
Eigentlich müssten längst alle Alarmglocken läuten. Artensterben ist keine Science-Fiction, sondern gruselige Realität. Obwohl auch jeder Einzelne im kleinen Bereich noch Lebensräume schaffen und erhalten könnte, ist oft das Gegenteil der Fall: Die Zahl der Schotterwüstengärtner, Giftsprüher, Laubbläser- und Mähroboter-Piloten steigt stetig. Komplettversiegelung ist der neue Garten-Schick, und Baumärkte machen richtig Kies mit Kies. So wird auch noch den letzten überlebenden Insekten und Krabbelviechern die Lebensgrundlage geraubt. Damit verschwinden sie als Nahrungsquelle für Vögel, und so weiter. Die Nahrungskette ist komplex.
„Keine Zeit für Gartenarbeit“ – dieses Argument hört man oft bei den Schotterwüsten-Designern. Doch die Alternative – nämlich außerhalb der Sitz- und Nutzfläche im Garten einfach alles wachsen zu lassen und damit auch noch vielen Tieren und Pflanzen Lebensraum zu bieten – sähe ja zu unordentlich aus.
Geradezu ökologisch fortschrittlich wirkt dagegen der Duderstädter Wall und seine angrenzende Umgebung: Alte Bäume voller Singvögel, flinke Eichhörnchen, grünes Buschwerk, unter dem die Amseln scharren, blühende Artenvielfalt am Boden, alte Sandsteinmauern als Unterschlupf für Eidechsen, Kröten und Blindschleichen, und am Abend ein eiweißhaltiges Nahrungsangebot für die Fledermäuse.
In den am Wall angrenzenden Gärten sieht man blütenreiche Stauden, hochgewachsene Gräser, üppige Gemüsebeete, und öfter auch mal Wildwuchs, der absichtlich (wie im ökologischen Lehrgarten in der Rosengasse) oder wegen Zeitmangel stehen gelassen wurde, und der ebenfalls Verstecke, Brutstätten und Nahrung für kleinste Wildtiere bietet.
Am Sandwasser und am Stadtpark sind Lebensräume für Libellen, Frösche, Molche, Schnecken und andere Bewohner von Feuchtbiotopen erhalten geblieben.
Der Wall, seine Umgebung und große Bereiche des Stadtparks sind ein wertvoller Beitrag zu modernem Artenschutz. Dass auch fast alle Duderstädter Schulen und Kitas in unmittelbarer Nähe zum Wall liegen, birgt doch gewaltiges Potenzial in sich. Ohne organisatorischen Aufwand kann der Eichsfelder Nachwuchs etwas über die wichtigsten Zusammenhänge im Ökosystem lernen – mitten in der Stadt. Die Fantasie wird auch angeregt. Wer ein wenig den Hals reckt, kann sogar einen ziemlich großen Drachen in einem der Gärten entdecken.
Der „außerschulische Lernort“ liegt direkt vor der Nase. Mit seinem Wall könnte Duderstadt richtig punkten – auch für Gäste von außerhalb. Wunderschön ist er zudem. Sein Naherholungswert schlägt positiv aufs Gemüt.
Im 15. Jahrhundert wurde der Wall aus Erde vor der Duderstädter Stadtmauer aufgeschüttet. Er sollte Kanonenkugeln abstoppen, bevor sie das dahinter liegende Mauerwerk einreißen konnten. Im 30-jährigen Krieg (1618 – 1648) wurden die Wallanlagen zerstört und erst ab 1668 wieder aufgebaut. Um 1800 verlor der Wall dann endgültig seine Bedeutung für die Stadtverteidigung, aber abtragen wollte ihn wohl auch niemand. Im 18. Jahrhundert wurden schließlich Linden gepflanzt, im frühen 19. Jahrhundert folgten Kastanien.
Noch heute stammen einige der Baumriesen am Wall aus der Zeit der Erstbepflanzung und verleihen dem Rundweg um die historische Innenstadt einen besonderen Charme.
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