150 Jahre Georg Greve-Lindau – Fast vergessen, doch neu entdeckt, wurde der außergewöhnliche Eichsfelder Maler

Der im Eichsfeld geborene und lange in Duderstadt lebende Künstler Georg Greve-Lindau (1876 – 1963) gehörte einst zu den bedeutenden Vertretern der Klassischen Moderne. Heute ist er beinahe in Vergessenheit geraten. Dass zu seinem 150. Geburtstag doch noch sein umfangreiches Schaffen gewürdigt wird, und zwar mit einer Sonderausstellung im Stadtmuseum Erlangen, ist vor allem der Duderstädter Kunsthistorikerin und Stadtarchivarin Sandra Kästner zu verdanken, die diesen besonderen Eichsfelder Maler nach ausführlichen Forschungen ab 2016 aus der Anonymität hob.

 

Die Duderstädter Kunsthistorikerin und Stadtarchivarin Sandra Kästner hat das Leben und Schaffen des Eichsfelder Malers Georg Greve-Lindau erforscht  (Foto: Ralph Obermann)

 

Bei der wissenschaftlichen Erschließung konnte die Kunsthistorikerin auf den nahezu vollständig erhaltenen Nachlass Georg Greve-Lindaus sowie auf die Unterstützung seiner Enkel, einiger Kunstsammler und Wegbegleiter zurückgreifen, darunter der Duderstädter Künstlerkollege Ulrich Hollmann, der bereits 1990 eine Greve-Lindau-Ausstellung in Duderstadt initiiert hatte. Außerdem existieren rund 2500 Briefe, anhand derer eine Chronologie seines beruflichen und privaten Lebens zusammengestellt werden konnte. 2016 zeigte Sandra Kästner eine Werkschau des Künstlers im Duderstädter Heimatmuseum.

 

Eines der frühen Werke heißt „Heilige Drei Könige“, die Szene zeigt den Seeburger See (Georg Greve-Lindau, 1898, Foto: Sandra Kästner)

 

Am 1. Mai 1876 wurde Georg Greve in Lindau im Untereichsfeld als Sohn eines Jutefabrikanten geboren. Sein Geburtsort wurde später seinem Nachnamen angefügt. Nach dem Abitur in Hildesheim und dem Studium an der Münchner Kunstakademie folgten weitere Studien in Karlsruhe und Stuttgart. 1906 heiratete er Lisel Ambos und zog mit ihr nach Schallershof bei Erlangen, 1907 nach Tennenlohe bei Nürnberg. 1910 bis 1912 lebte das Paar mit seinen Kindern in Weimar, wo Georg Greve-Lindau mit Max Klinger, Max Beckmann und Fritz Mackensen im Austausch stand. 1912 bis 1913 folgte ein Aufenthalt in Florenz.

 

Ein impressionistisches „Weimar im Frühling“ (Georg Greve-Lindau, 1911, Foto: Sandra Kästner)

 

Während des Ersten Weltkrieges diente Georg Greve-Lindau als Kriegsillustrator und Proviantmeister, seine Familie lebte in Berlin. 1918 war Wentorf bei Hamburg das neue Domizil. Nach dem Tod Lisels 1935 heiratete Georg Greve-Lindau seine Cousine, die Künstlerin Zoila Fromm, mit der er zunächst eine kurze Zeit in Kassel, und ab 1937 in Duderstadt lebte. Hier starb er am 16. Juli 1963 und wurde auf eigenen Wunsch in Katlenburg/Lindau beerdigt.

Georg Greve-Lindau war außerordentlich produktiv. Er hinterließ rund 700 Gemälde und Ölskizzen, außerdem Grafiken, Zeichnungen, Aquarelle und Skizzenbücher. In Zeiten großer gesellschaftlicher und damit auch künstlerischer Umbrüche sind in seinen Werken verschiedene Einflüsse und Strömungen zu erkennen, vom Realismus bis zum Impressionismus sowie kurze Ausflüge in den Expressionismus. Als Künstler hatte er sich einen Namen gemacht. 1912 wurde er mit dem renommierten Villa-Romana-Preis ausgezeichnet. Dass er dennoch fast in Vergessenheit geriet, hatte wohl mehrere Gründe.

 

Federzeichnung „Hochwasser in Schallershof“ (Georg Greve-Lindau, 1909, Foto: Sandra Kästner)

 

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Kunstszene maßgeblich verändert. Expressionismus und abstrakte Malerei hatten den Impressionismus abgelöst. Georg Greve-Lindau passte sich diesen Entwicklungen nur teilweise an und musste sich zunehmend auch mit Auftragsarbeiten über Wasser halten. Nicht mehr erhalten sind die Fresken, die er in den 1950-er Jahren im hohen Alter im Duderstädter Rathaus begonnen hatte. Sein Auftrag war ein Wandbildzyklus, den er dann mit seinem Sohn Peter vollenden konnte.

 

Expressionistisch wird der „Reiterkampf“ dargestellt (Georg Greve-Lindau, 1922, Foto: Sandra Kästner)

 

Sandra Kästner hat die künstlerische Entwicklungsgeschichte Georg Greve Lindaus intensiv erforscht und die außerordentliche Vielfalt seiner Werke unter anderem als Spiegel des gesellschaftlichen Kontextes interpretiert: Die Epoche „zwischen Reichsgründung und Weltkrieg, Tradition und Moderne, Biedermeier und Industrialisierung“ schuf auch eine allgemeine Verunsicherung für die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „So können neben persönlichen Ereignissen auch jene Faktoren als Ursachen für den geringen Bekanntheitsgrad […] angeführt werden“, schreibt sie in einem umfassenden Artikel, der 2016 im Eichsfeld-Jahrbuch erschienen ist (Mecke Verlag Duderstadt, Herausgeber sind die beiden Heimatvereine Goldene Mark Untereichsfeld und Verein für Eichsfeldische Heimatkunde). Die Kunsthistorikerin sieht Georg Greve-Lindau in seiner eigenen Unentschlossenheit als Repräsentanten der gesellschaftlichen und kunstgeschichtlichen Umbrüche seiner Zeit. Und sie appelliert an Kunstforschende: „Dem Kreis, der sich zwischen Tradition und Avantgarde bewegte, sollte deutlich mehr Beachtung in der Forschung zugestanden werden.“ Die Wiederentdeckung Georg Greve-Lindaus beweist, dass sich der Blick in die Zwischenräume lohnt.

 

„Hausecke mit rotem Dach (Georg Greve-Lindau, 1898, Foto: Sandra Kästner)

 

Der Artikel „Georg Greve-Lindau 1876 – 1963, Realist Impressionist Expressionist“ ist HIER vollständig nachzulesen. (Erschienen im Eichsfeld-Jahrbuch 2016, Mecke Druck und Verlag, Herausgeber: Heimatverein Goldene Mark (Untereichsfeld) e.V. und Verein für Eichsfeldische Heimatkunde e.V.)

Die Sonderausstellung „Neu entdeckt – Georg Greve-Lindau“ ist noch bis zum 12. April 2026 im Stadtmuseum Erlangen zu sehen. Infos bei stadtmuseum-erlangen.de.

Titelbild: Georg Grewe Lindau, Selbstportät 1912, Foto Sandra Kästner

 

 

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