Die Stadttauben sind in den meisten Städten weit entfernt von artgerechtem Leben. Um das Leid der Tiere zu mindern, engagiert sich der Göttinger Stadttauben e.V. seit 2017 im Landkreis. Nach Hann. Münden hat sich 2021 auch in Duderstadt eine Ortsgruppe gebildet. Für das Jahr 2022 haben sich die Mitglieder schon einiges vorgenommen, um gleich zwei Ziele zu erreichen: ein gesünderes Leben für die Tauben – und weniger Taubenkot in der Innenstadt.
In vielen Kulturen weltweit hatte die Taube jahrtausendelang eine außergewöhnliche Stellung. Im Alten Testament brachte sie Noah den Ölzweig als Zeichen der Hoffnung, in antiken Tempeln wurde sie mit Liebe, Fruchtbarkeit, Frieden und der Seele in Verbindung gebracht, im Neuen Testament kommt der Heilige Geist in Form einer Taube vom Himmel. Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttinnen, z.B. bei den Sumerern, Phönizern, Kelten, Griechen und Römern, wurden als Taube verkörpert. Heute steht vor allem die weiße Taube als Symbol für Frieden, Liebe, Treue und als Trägerin der Seele in den Himmel.
Auch der wirtschaftliche Aspekt der Taubenhaltung hatte über Jahrtausende eine große Bedeutung und ist seit der Antike belegt. Tauben konnten dank ihres Orientierungssinns Botschaften schnell und über weite Strecken überbringen. Taubenmist wurde als wertvoller Dünger und – vor allem im Mittelmeerraum und Nahen Osten – als Handelsgut geschätzt. Und die Redensart der gebratenen Tauben, die einem in den Mund fliegen, stammt aus der mittelalterlichen Vorstellung des Schlaraffenlandes. Neben Hühnern und Gänsen galten Tauben als Delikatesse. Taubenschläge, oder sogar kostbar verzierte Taubenhäuser, waren Standard auf Adelssitzen, in Klöstern und auf herrschaftlichen Gutshöfen. In engen Städten wurden Taubenschläge mit geschützten Einflugluken unter den Dächern der Wohnhäuser eingerichtet.
Wie also kam es, dass Stadttauben heute als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet werden, deren Bestand man mancherorts versucht mit Gift oder Luftgewehren zu reduzieren? Beide Methoden sind übrigens strafbar, bzw. nur mit besonderen Genehmigungen möglich – aber sicherlich nicht tiergerecht. Die Statistik zeigt, dass das Töten von Tauben nur Leid für die Tiere verursacht, aber den Bestand nur kurzfristig verringert, da sich schnell neue Tiere ansiedeln. Der NABU verweist auf die Überpopulation der Stadttauben im Zuge der wachsenden Überflussgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bedeutung der Taube als Eier- und Fleischlieferant oder Hersteller von Naturdünger nahm ab, und ein Überangebot an (nicht artgerechtem) Futter nahm zu. Früher lagen Essensreste nicht einfach auf der Straße.
Welche Alternativen gibt es also, um die Population und den Kot der Tauben in Städten zu verringern?
„Das Integrative Stadttaubenkonzept, das auch als Augsburger Modell bekannt geworden ist, zeigt bereits deutliche Erfolge in den Städten, wo es praktiziert wird“, erklärt Jan Mücher, Vorsitzender des Göttinger Stadttauben-Vereins. Dabei wird den Tauben ein betreuter Schlag angeboten, sie werden artgerecht gefüttert, und die Population wird kontrolliert, indem die Taubeneier in den Brutstätten mit Gipseiern ausgetauscht werden. „Tauben sind allerdings sehr standorttreu, daher bietet man einen Schlag am besten in der Nähe der bisherigen Nistplätze an“, erklärt Sabine Buss, Mitglied der Duderstädter Ortsgruppe.
Der Schlag würde von den Vereinsmitgliedern betreut werden. Es wäre also eine regelmäßige Reingung, Bestandsreduzierung und Fütterung relativ einfach möglich.
Über das Integrative Stadttaubenkonzept wurde schon 2011 ein Info-Video gedreht:
„Der schleimige Taubenkot, den man überall in den Städten sieht, kommt von der falschen Nahrung der Stadttauben. Döner und Pommes sind nicht artgerecht und verursachen bei den Tieren dauerhaften Durchfall. Aber die meisten Stadttauben finden kaum etwas anderes als Essensreste der Menschen. In der Pandemie, als die Gastronomie geschlossen war, gab es sogar das nicht mehr und die Tiere litten Hunger. Daher setzen wir uns für eine kontrollierte Fütterung der Stadttauben ein. Bei gesundem Körnerfutter ist auch der Kot fester und viel leichter zu entfernen“, erklärt Jan Mücher.
Das Schaffen artgerechter Lebensbedingungen für die Tiere hätte also gleich mehrere Vorteile: „Die Grundsätze des Tierschutzes könnten eingehalten werden, die Population wird im Laufe der Zeit geringer und die Stadt wird sauberer“, fasst Vereinsmitglied Leonie Eckermann zusammen.
Die Duderstädter Arbeitsgruppe traf sich in der Innenstadt, um sich einen Überblick zu verschaffen, wo ein solcher städtischer Schlag am sinnvollsten einzurichten sei. Vor allem bei St. Servatius und am Westerturm scheinen sich die Tauben niedergelassen zu haben. „Für einen betreuten Schlag könnte vielleicht auch ein Dachboden infrage kommen“, sagt Doris Glahn, Ansprechpartnerin der Duderstädter Gruppe und Mitglied des Stadtrats. Von der Stadtverwaltung habe es im vergangenen Jahr bereits grünes Licht für das Taubenkonzept gegeben. Nun sollen die Möglichkeiten eingeordnet und ein Kostenvoranschlag ausgearbeitet werden. Die Kosten für die Betreuung des Schlags, mögliche Tierarztrechnungen etc. würde der Verein übernehmen. Langfristig könnte die Verwaltung dann städtische Reinigungskosten bei der Beseitigung von Taubenkot sparen.
Willkommen sind auch weitere Vereinsmitglieder oder Tierfreunde, die eine Pflegestelle anbieten möchten. „Man muss nicht unbedingt Vorkenntnisse haben, wir können Leute für eine Pflegestelle entsprechend schulen und auch die Kosten für Medikamente und Material übernehmen“, sagt Jan Mücher. Er erklärt außerdem, dass Stadttauben zu den Haustieren gehören. Sie wurden als Brieftauben, Hochzeitstauben, Ziertauben etc. gezüchtet oder sind die Nachfahren solcher Zuchtvögel, die aus verschiedenen Gründen nicht in den heimischen Schlag zurückkehren konnten.
Da die Duderstädter Tauben-AG wegen der Pandemie noch nicht so aktiv werden konnte wie sie wollte, soll nun im laufenden Jahr einiges nachgeholt werden. „Wir möchten die Bevölkerung umfassender informieren, bei öffentlichen Veranstaltungen in der Innenstadt sichtbar werden und so für ein größeres Verständnis unserer Anliegen werben“, sagt Doris Glahn.
Wer eine in Not geratene Taube findet, kann sich ebenfalls an den Verein wenden:
Notfallnummer 0151 61009661
Weitere Infos gibt es auf der Webseite: https://goettingerstadttauben.com/