Silvesterfeuerwerk – Tradition oder cleveres Marketing der Kriegsindustrie?

Für Silvester 2021/22 gilt pandemiebedingt ein bundesweites Feuerwerksverkauf- und Versammlungsverbot. Allerdings dürfen Böller im privaten Bereich gezündet werden – soweit das nicht an Orten geschieht, wo ein generelles Feuerwerksverbot gilt. Es könnte also eine relativ ruhige Silvesternacht werden.

Was Umweltverbände und Tierfreunde erfreut, ruft bei manchen Böllerbegeisterten wegen des erneuten Verzichts auf eine “Tradition” zum Jahreswechsel Unmut hervor. Doch was hat es damit eigentlich auf sich? Woher kommt die Massen-Ballerei zu Silvester? Dazu möchten wir noch einmal unseren Artikel von 2019 über die Geschichte des Feuerwerks in Erinnerung rufen:

Das chinesische Schwarzpulver wurde ab dem späten Mittelalter in Europa bekannt. Seitdem nutzte man es vor allem zu kriegerischen Zwecken. Eine Schlacht konnte dank der Kunst eines Feuerwerkers entschieden werden. Schwarzpulver war dementsprechend wertvoll, und es ließen sich damit gute Geschäfte machen.

 

Feuerwerk auf der Themse zu Ehren König George II., Radierung 1749 (Wikipedia)

 

Etwa seit dem Barock wurden Feuerwerke auch zu festlichen Anlässen und zur Repräsentation von Macht eingesetzt, und zwar ausschließlich von Adligen, die sich solch ein teures Vergnügen leisten konnten und das auch zeigen wollten. Ab dem 18. Jahrhundert, im Zeitalter politischer Umwälzungen, sah es dann wirtschaftlich schlechter aus für den Adel. Feuerwerke zum reinen Vergnügen waren nur noch selten zu sehen. Die Feuerwerker mussten sich also überlegen, wie sie die Geschäfte wieder in Gang bringen konnten.

1838 gründete ein Kanonier der Hamburger Bürgerartillerie, Georg Heinrich Hermann Berckholtz, die erste private deutsche Feuerwerkerei. Noch immer war Pyrotechnik mit hohen Kosten verbunden. Für den Durchschnittsbürger war es undenkbar, sein schwer verdientes Geld in wenigen Augenblicken in die Luft zu jagen. Große zentrale Feuerwerke setzten sich allerdings zum Jahreswechsel und zu außergewöhnlichen Ereignissen durch. Ansonsten verdiente Georg Berckholtz sein Geld hauptsächlich mit Signal- und Pyrotechnik für Schiffe.

 

Pyrotechnik in der Kriegsführung, auch auf Schiffen, hier auf einem Gemälde von Louis-Philippe Crépin (1811)

 

Durch die Entwicklungen in der chemischen Industrie gab es einen weiteren Aufschwung in der Pyrotechnik ab Beginn des 20. Jahrhunderts. Zudem liefen die Geschäfte in der Branche während der beiden Weltkriege hervorragend. Nach dem Zweiten Weltkrieg war allerdings vorerst Schluss. Viele Feuerwerksfirmen waren entweder zerstört oder es wurden ihnen die auferlegten Reparationszahlungen zum Problem. Einige Firmen hielten sich mit der Herstellung von Ofenanzündern über Wasser – oder entwarfen einfache Feuerwerkskörper, die von Privatpersonen ohne pyrotechnische Vorbildung zu bedienen waren. Die „Tradition“ der privaten Böllerei zu Silvester ist also nichts weiter als ein gelungenes Marketing von Pyrotechnikfirmen in der Nachkriegszeit. Vor der Pandemie wurden pro Silvesternacht allein in Deutschland mehr als 130 Millionen Euro in die Luft gejagt. Und bei einem Steuersatz von 19 Prozent verdient der Staat ordentlich mit. Dabei stammen viele Böller von Billiganbietern aus dem osteuropäischen und asiatischen Raum, hergestellt unter menschenverachtenden Bedingungen.

Außerdem hat die Massen-Ballerei umweltschädliche Folgen. Das Bundesumweltamt nennt 4200 Tonnen Feinstaub pro Jahr durch das Abbrennen von Feuerwerkskörpern (Stand 2019). Dazu kommen zahlreiche Verbrennungen, Augenverletzungen, Hörschäden, Sachschäden an Fahrzeugen und Gebäuden sowie riesige Mengen von Müll und Plastik. Zahlreiche Haus– und Wildtiere leiden bei Feuerwerken unter Panikattacken oder werden aus ihrer Winterruhe aufgescheucht.

Im Dezember 2021 ist der Verkauf von Feuerwerkskörpern prinzipell verboten. Wer allerdings noch Böller zu Hause hat, darf die im privaten Rahmen dort zünden, wo kein generelles Feuerwerksverbot herrscht wie beipielsweise in der Duderstädter Innenstadt. Abzuraten ist jedoch vom Abbrennen der günstigen Böller aus Polen oder Tschechien. Die entsprechen nämlich nicht den deutschen Sicherheitsbestimmungen und sind daher nicht zugelassen.
Für Silvester 2021 gilt es vor allem, aufgrund der Pandemie Massenansammlungen und auch mögliche Brandverletzungen durch Feuerwerke zu vermeiden, um die Notaufnahmen und Krankenhäuser zu entlasten. In Duderstadt gilt auch ohne Pandemie ein Feuerwerksverbot in der historischen Altstadt innerhalb des Walls. Nach § 23 der Ersten Verordnung zum Sprengstoffgesetz ist das „Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie besonders brandempfindlichen Gebäuden wie Reet- und Fachwerkhäusern verboten.“

 

Wir wünschen einen gesunden Rutsch ins neue Jahr! (Foto: Pixabay)

 

Unser Titelbild zeigt das Feuerwerk am Duderstädter Schützenplatz zur Einweihung des Schützenteichs im September 2021.

 

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