Was tun, wenn ein untergewichtiges Igelchen im Garten gefunden wird? Helfen – das ist klar! Allerdings können Anfänger in der Igelaufzucht viel falsch machen. Welches Futter vertragen kleine Igel? Ab wann sind sie überhaupt ein Notfall? Auf jeden Fall brauchen sie dringend Unterstützung, wenn sie Mitte Oktober noch keine 400 g auf die Waage bringen.
Igel müssen über Winter ihre angefutterte Energie in Wärme umsetzen, damit sie im Winterschlaf nicht erfrieren. Mitte Oktober sind laut Igelexperten 400 g ein Richtwert, Anfang November mindestens 600 g und das Winterschlafgewicht bei Bodenfrost sollte 650 – 750 g sein. Ausgewachsene Igel sollten zudem eine rundliche Statur haben. Unser Gartenigel, der in unserem Souterrain-Homeoffice Mitte Oktober an der Fensterscheibe kratzte und scheinbar um Hilfe bat, war so groß wie eine Zitrone und wog 154 g.
Von Duderstadt aus ist die nächste Igelauffangstation in Kirchworbis bei Sandra Reichmann. Eigentlich war dort schon Aufnahmestopp, als wir Kontakt aufnahmen, aber mit der Zusicherung, nach fachlicher Anleitung das stachelige Fundstück selbst aufzupäppeln, konnten wir es zum ersten Durchschecken vorbeibringen. Nach einem prüfenden Blick der Expertin auf den kleinen ca. drei Wochen alten Igeljungen, der auf keinen Fall sein Wunschgewicht erreicht hatte, wurde uns empfohlen, weiterzusuchen.
Kaum wieder im heimischen Garten angelangt, erwartete uns das Schwesterchen (144 g). Also ging es gleich wieder Retour nach Kirchworbis. Nun gab uns die Igelexpertin vorsichtshalber eine Tüte Aufzuchtsmilch zum Anrühren mit. Es dämmerte bereits, und wir wurden kribbelig. Sollten bei uns noch mehr hungrige kleine Igel herumirren? In Wechselschichten liefen wir durch den Garten. Bis Mitternacht hatte wir dann drei weitere Mini-Igelchen eingepackt, wobei das größte auch nur 182 g auf die Waage brachte. Die Babys übernachteten nach mehreren Schälchen Igelmilch, die sie ohne jegliche Tischmanieren laut schmatzend verzehrten, in einer kuscheligen Kiste im Warmen.
Lebt die Igel-Mama noch?
Nach der Übergabe der drei Geschwisterchen in Kirchworbis war klar, dass ein Aufpäppeln der Babys am einfachsten sei, wenn wir auch die Igelmama finden würden. Doch wo war die? Horrorszenarien blitzten durch den Kopf: überfahrene Igel am Straßenrand, aufgeschlitzte Igel durch Mähroboter oder Motorsensen – lebte die Mama überhaupt noch? Wieder pirschten wir durch den Garten, suchten unter jedem Busch, in der Nähe der Totholzhaufen und Hecken, der Laubhaufen und Kompostkiste – ja, wir bemühen uns, gegen die Golfrasen- und Schottergartenkultur lebendige und naturbelassene Kontraste zu setzen und Lebensräume zu schaffen (Mähroboter, Pestizide und Laubbläser sind hier absolutes NoGo!) – aber Mama Igel blieb unsichtbar. Obwohl ich bei der letzten Garten-Tour kurz nach Mitternacht meinte, ein Schmatzen und Knistern unter dem Holzstapel zu hören. War der Wunsch hier Vater des Gedankens?
Als ich am nächsten Morgen dort zuerst nachsah, lugte Mama Igel unter dem Busch hervor, trat aber den Rückzug unter die Palette am Holzstapel an, als ich mich näherte. Trotzdem war die Erleichterung groß. Sie lebte! Vorausgesetzt, dass es Mama Igel war, und nicht ein weiterer Verwandter. Den Verlockungen von ungewürztem Rührei und Katzenfutter in einer kuscheligen Katzenbox konnte Mama Igel allerdings ziemlich lange widerstehen. Erst am Abend ließ sie sich einfangen.
Kugelrund sah sie auch nicht aus. Wir brachten sie sofort zu den Babys nach Kirchworbis. Da war die Freude groß! Nicht nur bei Familie Igel, die sich ganz ausgelassen zwitschernd begrüßte – es war tatsächlich die Mama – , sondern auch bei den menschlichen Igelfreunden, die bei dieser Geschichte schon auf Social Media mitgefiebert hatten.
Wieder zu Hause, schlichen wir in dieser Nacht noch mehrmals durch den Garten, um ganz sicher zu sein, keinen kleinen Igel übersehen zu haben.
Derweil hatte Sandra Reichmann in Kirchworbis die stachelige Familie bestens versorgt und auch den Tierarzt konsultiert. Da die kleinen Igel verwurmt und viel zu leicht waren, und bei Mama Igel beim Röntgen ein Beinbruch festgestellt wurde, müssen sie vorerst noch fachfraulich betreut werden. Da sich das nun doch in der ohnehin schon überfüllten Igelstation länger hinzieht, haben wir dieses Engagement schon mit Spenden unterstützt – vor allem, nachdem wir die stolzen Preise für Igelfutter, Medikamente etc. sahen. Vielen anderen Igeln in der Station geht es viel schlechter als „unserer“ Igelfamilie. Sie brauchen aufwendige und kostenspielige Unterstützung und viel Erfahrung der Igel-Betreuer. Schuld an der heutigen Igel-Misere ist fast ausschießlich der Mensch.
Wie kann man Igeln helfen?
Was also kann man tun? Igel vertilgen vor allem Insekten, Asseln und Maden und sind wichtig für ein gesundes Ökosystem. Ihre natürlichen Lebensräume und Nahrungsangebote verschwinden allerdings zunehmend mit dem Insektensterben, ausgeräumten Landschaften, totgepflegten Gärten und versiegelten Flächen. Wer einen Garten hat, kann einfach etwas weniger mähen und aufräumen (was ja auch noch Arbeit und Zeit spart!), insektenfreundliche Wiesen wachsen lassen, Ecken mit Totholz und Laub schaffen und – je nach Witterung – ab September/Oktober Igelfutter aufstellen. „Das industriell hergestellte Igelfutter ist allerdings ungeeignet. Besser hochwertiges Katzenfeuchtfutter ohne Soße und Gelee“, empfiehlt Sandra Reichmann.
Die überfüllte Igelstation „Igelherzen Nordthüringen e.V.“ in Kirchworbis freut sich über Unterstützung:
Spendenkonto
VR-Bank Altenburger Land / Deutsche Skatbank eG
IBAN: DE92 8306 5408 0005 2211 61
Weiterführende Infos zu Lebensräumen für Igel: https://www.deutschewildtierstiftung.de/wildtiere/igel
Infos zu Bußgeldern bei Verstößen gegen Artenschutz: https://www.bussgeldkatalog.org/tierschutz-artenschutz/
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