Wenn Peter Maffay nach Duderstadt kommt – und das tat er öfter in den vergangenen Jahren – geht normalerweise die Post ab. Noch vor einem Jahr stand er mit Musiker-Kollegen wie Johannes Oerding auf der Bühne des Eichsfeld-Festivals. Bei seinem Besuch im Coronajahr, am Freitag, 30. Oktober 2020, schlug der Rockstar allerdings leisere Töne an, und das lag nicht nur am aktuellen Lockdown. In seiner Buchvorstellung „Hier und Jetzt – Mein Bild von einer besseren Zukunft“ im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes ging es auch um die persönliche Entwicklung eines weit Gereisten, um Reife, Verantwortung und Glauben. Das Publikum konnte die Veranstaltung ausschließlich online verfolgen – aber immerhin live aus Duderstadt.
Eigentlich war das Ballhaus für die Buchvorstellung vor einem Corona-bedingt kleinem Zuschauerkreis vorgesehen. Doch dann machte der erneute Lockdown einen Strich durch die Rechnung der Veranstalter. Zwar ist erst ab 2. November 2020 der gesamte Kulturbereich von politischer Seite vollends lahmgelegt, aber angesichts der drastisch steigenden Zahl der Covid-19-Infizierten entschlossen sich das Team von Duderstadt 2030 als Organisator und die Verantwortlichen vom Göttinger Literaturherbst, die Buchvorstellung zwar live, aber nur online zu präsentieren.
Für dieses neue Corona-Format war dann auch das Ballhaus viel zu groß. Kurzerhand wurde vom Team Duderstadt 2030 sowie einigen Ottobock-Mitarbeitern ein kleines Hightech-Studio im Ottobock Campus Auf der Klappe aus dem Hut gezaubert: Wohnzimmeratmosphäre für das Interview mit dem NDR-Kultur-Moderator Joachim Dicks, rechts davon eine Mini-Bühne für die drei Live-Gigs mit Maffay-Gitarrist Peter Keller, und als Trennmodul dazwischen zwei blitzblanke Harleys.
Nach einer kurzen Lagebesprechung machten es sich auch die Veranstalter – Nina Hornig vom Göttinger Literaturherbst und das Team von Duderstadt 2030 – mit Maskenschutz draußen auf dem Flur bequem und verfolgten das Gespräch mit Peter Maffay am Bildschirm:
Vor allem einer guten Freundin, Gaby Allendorf, sei es zu verdanken, dass der Rockstar „zur Feder“ griff. In seinem 2020 bei Lübbe erschienenem Werk „Hier und Jetzt“ begibt er sich auf einen literarischen Rundgang über sein Gut Dietlhofen in Oberbayern. Dabei werden sehr persönliche Themen von Peter Maffay eingeflochten: seine Entwicklung vom Schlagerstar zum Rockmusiker und schließlich zum Förderer Benachteiligter, zum Stiftungsgründer und zum Biolandwirt. Im Gespräch mit Joachim Dicks wird auch klar, dass diese Schlagwörter, die seinen Werdegang grob beschreiben, die Komplexität der Themen bestenfalls andeuten. Dahinter verbirgt sich eine sehr persönliche Geschichte, und Peter Maffay betont auch mehrfach, dass er in dem Buch lediglich seine subjektive Sichtweise schildert. „Ich habe keine Formel erfunden für das richtige Leben“, sagt der Star.
Dennoch kann man heraushören, dass der Reisende seinen Platz in der Welt gefunden zu haben scheint, und der ist wohl nicht bloß an einen bestimmten Ort wie Gut Dietlhofen gebunden, sondern liegt im Eingebundensein in der Natur mit einer tief verwurzelten Achtung der Schöpfung. So sollte die Buchpräsentation eigentlich passend mit dem Song „Größer als wir“ enden.
Doch kurz vor Schluss drückte Joachim Dicks noch die Frage nach der Kultur in Coronazeiten heraus. Dazu bezog der Musiker ebenfalls eine klare Stellung: „Wir können nicht darauf vertrauen, dass der Staat stellvertretend für uns Lösungen erzeugt“, sagte Peter Maffay und appellierte an die Politiker, Voraussetzungen zu schaffen, die den Kunst- und Kulturschaffenden Möglichkeiten bieten, sich selbst zu helfen. Zwar sprächen gerade die steigenden Infektionszahlen anscheinend dagegen, dennoch gebe es einige Positionen, die man neu überdenken müsse, so der Musiker.
Einen Hoffnungsschimmer auf dem Weg zur Selbsthilfe sah Peter Maffay schon: „Ich glaube, dass wir uns auf diese Perspektive langsam zubewegen“, sagte der Künstler und nannte andere bekannte Kollegen aus der Branche, die sich für eine Wahrnehmung dieser Themen einsetzten. “Es geht nicht um die Verwirklichung einiger Protagonisten, die in der Lage sind, finanziell über die Runden zu kommen. Es geht um den Erhalt des nachwachsenden kreativen Potenzials. Wir können uns nicht erlauben, in unserer Gesellschaft auf Kultur zu verzichten“, appellierte Peter Maffay für mehr mögliche Eigenverantwortung der Kunst- und Kulturschaffenden.
Seine Nähe zu Duderstadt drückte Peter Maffay ebenfalls im Interview aus: „Duderstadt ist nicht eine Station wie jede andere“, sagte der Musiker und nannte seine enge Freundschaft zu Ottobock-Chef Hans Georg Näder sowie die gemeinsamen Projekte wie das Tabalugahaus in Duderstadt und eine kreative Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen.
(Peter Maffay Titelbild: Christoph Neumann, Dipl. Fotodesigner)
Der Video-Mitschnitt des Interviews mit Joachim Dicks ist auf Youtube anzusehen:
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