Die Stadt Duderstadt startet mit der Aktion „Artenvielfalt statt … Schottergärten“ einen Aufruf zur Beteiligung der Bürger am Artenschutz im heimischen Umfeld. Ein aktueller Flyer erklärt dazu in einfachen Schritten, was jede/r dazu beitragen könnte, und wie wenig Arbeit ein naturbelassener Garten macht. Kostenfreie Samentütchen werden in der Duderstädter Gästeinfo verteilt, so lange der Vorrat reicht.
Die niedersächsische Bauordnung schreibe zwar vor, alle unbebauten Flächen zu begrünen oder zu bepflanzen, doch in und um Duderstadt sprießen immer mehr Schottergärten aus dem Boden, heißt es in der Presseinformation, in der auch Bürgermeister Thorsten Feike an die Bürger*innen appelliert: „Helfen Sie mit und lassen Sie unsere Stadt und unsere Dörfer in vielen bunten Farben aufblühen und geben Sie der Artenvielfalt eine Chance!“
Die Liste Pro blühende Umwelt ist lang:
– Erhöhung der Lebensqualität
– Verbesserung auch des städtischen Klimas
– Lebensräume für Tiere und Pflanzen, und damit erhöhte Artenvielfalt
– Feinstaubbindung und Luftverbesserung
– reduzierte Hitzeentwicklung
– verbesserte kognitive Entwicklung bei Kindern
– erhöhter Stressabbau
Schottergärten bieten null Nahrungsquellen, keinen Unterschlupf und Lebensraum, weder für Insekten, noch für Larven, Regenwürmer etc. und damit auch keinen Lebensraum für Vögel, die sich von Samen, Insekten und Larven ernähren. Im Sommer heizen die Steinwüsten ganze Straßenzüge auf, und laut einer Schweizer Studie von 2017 wirken sie sich negativ auf Identifikationsprozesse und soziales sowie ökologisches Engagement aus. Schottergärten haben außerdem negativen Einfluss auf eine gesunde kognitive Entwicklung der Kinder. Und weniger Arbeit machen sie keineswegs. Der Biologe Ulf Soltau hat mit seiner Facebookseite „Gärten des Grauens“ und dem gleichnamigen Buch großes Medieninteresse erzielt und einen relevanten Beitrag zum Umdenken geleistet. „Gärten des Grauens“ ist das Pseudonym des Schottergartens geworden. Mit Schottergärten sind übrigens nicht „Steingärten“ gemeint, die mit entsprechenden Steingartenpflanzen wie Wolfsmilch, Mauerpfeffer, Hauswurz etc. ein wertvolles Biotop bilden.
Das Gegenteil vom Schottergarten wäre der Naturgarten, und hier vertreten Gartenfreunde in verschiedenen Internetgruppen die Auffassung von „einfach wachsen lassen, was da kommt“ oder ausschließlich heimische Bäume, Sträucher, Blumen und Gräser anzupflanzen. Diese Gartenvariante macht tatsächlich fast keine Arbeit (außer dort, wo man vielleicht sitzen möchte oder einen Weg anlegt), bietet aber zahlreiche Nist- und Nahrungsquellen für heimische Tiere. Die Naturgarten-Puristen verdammen jegliche Neophyten, also nicht-heimische Pflanzen, aus ihren Gärten. Tatsächlich ist unsere heimische Tierwelt nicht auf Kirschlorbeer, Koniferen und Co. angepasst, aber nicht jeder Gartenbesitzer will auch gleich eine alte Thuja niedermachen, die vielleicht Schatten, Blick- und Windschutz und immerhin noch einen Nistplatz für Vögel bietet. Dennoch lohnt es sich darüber nachzudenken, den Rasen einfach mal nicht zu mähen, das Laub und Totholz einfach liegenzulassen, und nicht jede Brennnessel aus der hintersten Gartenecke auszumerzen (Brennnesseln sind z. B. Hauptnahrung der Raupen des Tagpfauenauges). Auch Laubbläser und Mähroboter vernichten einen Großteil der Kleinstlebewesen, die ebenfalls Nahrung für Vögel sind. Um sich ins Thema einzulesen, bietet z. B. der Naturgarten e.V. eine informative Internetseite: https://www.naturgarten.org/service.html.
In Deutschland brauchen Umdenker in der Gartenwelt vor allem ein dickes Fell gegen den skeptischen Nachbarn, der tote, leergeräumte Gärten mit Ordnung verbindet. Schöpferische Ordnung ist allerdings bunt und vielfältig. Beim drastischen Artensterben der vergangenen Jahrzehnte versuchen viele Kommunen inzwischen eine Sensibilisierung bei der Bevölkerung zu fördern. Auch im Eichsfeld gibt es schon einige positive Beispiele wie die Bepflanzung öffentlicher Flächen mit nützlichen Stauden und Naturkräutern im Duderstädter Stadtbereich, die Anpflanzung und Nutzung dorfeigener Obstbäume in Mingerode und Tiftlingerode, das Aufstellen von Insektenhotels in Fuhrbach, diverse Pflanzaktionen für Blühwiesen der Kita- und Schulkinder und mehr. Insbesondere Duderstadt hat mit seinem Wall, dem LNS-Gelände und vielen Grünflächen im Stadtgebiet zahlreiche Möglichkeiten, diese artenfreundlich zu nutzen.
Für die kommende Gartensaison bietet die Stadt Duderstadt in Kooperation mit den Harz-Weser-Werken kostenlose Samengutmischungen mit Nutz- und Wildpflanzensamen an, die besonders insektenfreundlich, blütenreich und auch mehrjährig sind. „Neben Sonnenblume, Kornblume und Ringelblume finden sich zahlreiche Nutz- und Wildpflanzen in der über 60 Arten umfassenden Mischung wieder. Durch die unterschiedlichen Blühzeiten wird das Nektar- und Pollenangebot über einen langen Zeitraum gewährleistet. Der Inhalt der Samenmischung reicht für eine Fläche von ca. 30 m². Die Aussaat kann ab Mitte April erfolgen“, heißt es in der Pressemitteilung der Stadt. Eine Saatanleitung befindet sich im Samentütchen. Die Mitarbeiter*innen der Harz–Weser–Werke haben das Befüllen der Samentütchen sowie deren Layout und Gestaltung umgesetzt.
Die Stadt Duderstadt hat durch die Anlage von Blühstreifen entlang des Walls am Schützenring sowie am Ebertring, durch blütenreiche Bepflanzungen der innerstädtischen Verkehrskreisel in der Industriestraße und am Euzenberg erste Maßnahmen durch das Team des städtischen Bauhofes unter der Leitung von Frank Widera umsetzen lassen und dadurch vielfältige Nahrungsangebote für Insekten, Kleinslebewesen und Vögel geschaffen.
Den Flyer sowie kostenlose Samentütchen können interessierte Bürgerinnen und Bürger, Landwirte, Vereine, Gruppen und Institutionen in der Gästeinfo im Historischen Rathaus (nach Anmeldung unter Telefon 05527 841200 und solange der Vorrat reicht) in Empfang nehmen. Die Aktion wird im Rahmen des Projektes „Maßnahmen zum Erhalt der Insektenvielfalt“ durch den Landkreis Göttingen gefördert.
Professionelle Infos zur Begrünung von (Industrie- und Gewerbe-) Flächen gibt es auch bei der Heinz-Sielmann-Stiftung
und die Wildvogelhilfe Südniedersachsen in Hilkerode berät ebenfalls zur naturnahen, insekten- und vogelfreundlichen Garten- und Flächengestaltung. Zur nachhaltigen Nutzgartengestaltung gibt es im Duderstädter Lehrgarten informative Einblicke.
Weiterführende Literatur:
Ulf Soltau: Gärten des Grauens, Eichborn Verlag
Tjards Wendenbourg: Die Kies muss weg, Ulmer Verlag
Karin Schlieber: Prinzip Permakultur, Gräfe und Unzer Verlag
Facebook:
Der NaturGarten
Gärten des Grauens
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