Lokale „Vorwärtsmacher“ und positiver Strukturwandel – Wo das „NeuHarz“-Projekt auch Beispiele für das Eichsfeld geben kann

„NeuHarz – Aus Vergangenheit wächst Zukunft“ lautet der Titel einer Publikation des Autors Christian Hille und des Fotografen Lars Wiedemann. Darin stellen sie lokale „Vorwärtsmacher“ vor, die mit innovativen Ideen die Region Harz für die Zukunft stärken. Auf Einladung des Heimatvereins Goldene Mark (Untereichsfeld) e.V. kam Lars Wiedemann ins Eichsfeld, um mit den Menschen dort über die Hintergründe des Buches zu sprechen. Gastgeber war die Sparkasse Duderstadt.

 

Markus Teichert, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Duderstadt, Fotograf Lars Wiedemann und Gerold Wucherpfennig, Vorsitzender des Heimatvereins Goldene Mark (v.l.)

 

Das Gefühl von Verlust – der Tradition, Identifikation, Arbeit oder Naturlandschaft – scheint sich besonders im ländlichen Raum breitzumachen, längst nicht nur im Harz mit seinen Baumgerippen, Borkenkäfern und Leerständen. Aber ist wirklich alles verloren? Würde das Festhalten an längst überholten Strukturen etwas retten? Helfen Jammern und Schuldzuweisungen an „die da oben“?

Der gebürtige Harzer Christian Hille und der Berliner Fotograf Lars Wiedemann machten sich auf die Suche nach positiven Beispielen, wo Strukturwandel zu Kreativität und Eigenverantwortung führte, wo in Transformation neue Chancen entdeckt wurden. Sie fanden immer mehr interessante Projekte im Harz und Menschen, die nicht nur selbst an ihre Ideen glaubten, sondern auch andere davon begeistern konnten. Daraus ist ein Buch entstanden, in dem die Bilder sprechen und die Texte in ihrer Kürze und Klarheit inspirieren.

Markus Teichert, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Duderstadt, erinnerte in seiner Begrüßung der zahlreich erschienen Gäste an die Liste der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung. Die Verbindung von Kultur, Geschichte und regionaler Identität, die in dem Buch beschrieben werde, zeige viele Beispiele für nachhaltige Entwicklung.

 

Die Sparkasse bewirbt die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung

 

Christian Hille, der selbst nicht kommen konnte, sendete Grußworte aus den USA, worin er auch das Zusammentreffen mit Lars Wiedemann und die während des Buchprojektes entstandene Freundschaft beschrieb. Gerold Wucherpfennig, Vorsitzender des Heimatvereins Goldene Mark als Veranstalter, las den Gruß vor und erzählte von seinem persönlichen Treffen mit den Autoren in Clausthal-Zellerfeld, wo ihm klar geworden war, dass auch das Eichsfeld als direkte Nachbarregion des Harzes von den Anregungen und Beispielen aus dem Buch profitieren könne. Darauf folgte die Einladung nach Duderstadt.

In seinem Vortrag gab Lars Wiedemann Einblicke in die Entstehung des NeuHarz-Projektes. Zu Anfang stand da ein Gefühl: Christian Hille war seiner Heimatregion dankbar für die Basis, die sie ihm gegeben hatte, und er wollte etwas zurückgeben. Er ist in Buntenbock aufgewachsen, war in seiner Jugend ambitionierter Langläufer, studierte in Clausthal-Zellerfeld und Oxford, ging dann beruflich nach London und Frankfurt. Den Bezug zu seiner Heimat Harz hatte er jedoch nie verloren. Er sah zwar die Probleme durch Klima- und Strukturwandel, Abwanderung und Unzufriedenheit der dort lebenden Menschen, aber ihm fielen auch sehr positive Entwicklungen auf. Ambitionierte und kreative „Vorwärtsmacher“ hatten innovative Ideen, bildeten Netzwerke, gründeten Vereine oder Firmen und begannen, die Transformationen zu nutzen, um daraus neue und nachhaltige Strukturen entstehen zu lassen.

Christian Hille und Lars Wiedemann besuchten solche „Vorwärtsmacher“, sprachen mit ihnen und fanden immer mehr Menschen, Vereine, Initiativen und Unternehmen, die einen selbstbestimmten Wandel ermöglichten, unterschiedliche Perspektiven zusammenbrachten, sich kümmerten – und ihrer Heimatregion auch etwas zurückgeben wollten.

Die Beispiele sind äußerst vielfältig. Ob Aufforstung, Biohof, Tourismus, Recycling, Kultur oder auch die Verknüpfung von ganz unterschiedlichen Themen und Projekten – vieles konnte erst (neu) entstehen, indem sich die Menschen mit der Geschichte und den Besonderheiten ihrer Heimat auseinandersetzten, Transformation akzeptierten, darin neue Chancen entdeckten und eigenverantwortlich ihre Ideen umsetzten.

 

Lars Wiedemann stellt in seinen Fotografien Gegensätze nebeneinander (Buchausschnitt)

 

Lars Wiedemann hat als Nicht-Harzer den Blick von außen mit der Heimatkenntnis der Einheimischen verbunden. Und er hat scheinbare Gegensätze verknüpft, die aber gemeinsame Wurzeln haben und alle Teil der Entwicklung sind. Daraus sind Fotos voller Hoffnung entstanden. Er setzte abgestorbene graue Baumgerippe neben junge grüne Stämmchen fotografisch in Szene, den Harvester neben die Rückepferde, flüssigen Schwefel im Erzbergwerk neben recyclebaren Elektroschrott, das 900 Jahre alte Schloss Blankenburg neben die Initiative Forest Future und vieles mehr.

Das Eichsfeld ist zwar nicht der Harz, aber die Folgen des Strukturwandels sind ähnlich: Im Harz fiel der Bergbau als Arbeitgeber weg, im Eichsfeld viele kleinbäuerliche Betriebe; der Harz musste den Tourismus nach dem klimabedingten Sterben des Wintersports und der Fichtenwälder neu erfinden, im Eichsfeld kommt der Tourismus erst seit einigen Jahren ins Rollen; die Abwanderung der Jugend betrifft Harz und Eichsfeld gleichermaßen und der Klimawandel betrifft die ganze Welt. Dennoch konnten sich die Bewohner sowohl des Harzes als auch des Eichsfelds einen Teil der Traditionen, Identifikation und Heimatverbundenheit bewahren. Und in einer Welt, wo Wohnraum für Familien in den Oberzentren nahezu unbezahlbar wird, aber die Digitalisierung Menschen und Unternehmen weltweit verbindet, haben auch beide Regionen die Chance auf gut ausgebildete Rückkehrer oder Neubürger, falls die Infrastruktur stimmt.

Dem Vortrag folgten Gespräche, und das Team der Sparkasse bot ein kleines Catering an, während Lars Wiedemann noch zahlreiche NeuHarz-Bände signierte. Das Ziel des Buches als Ideen- und Impulsgeber beschreibt Christian Hille im Vorwort: „Lassen wir uns nicht von Problemen lähmen, sondern von Möglichkeiten begeistern. NeuHarz zeigt, dass selbstbestimmter Wandel möglich ist, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen. Dass sich die Heimat verändern kann und muss, um Menschen eine Zukunft geben zu können. Aber dabei eben doch immer eines bleibt: Heimat.“

 

„NeuHarz – Aus der Vergangenheit wächst Zukunft“, erschienen bei Murmann, ist im Buchhandel erhältlich

 

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