Was haben das alte Duderstädter Schützenhaus, die einstige Synagoge, das heutige Haus St. Georg und das evangelische Gemeindehaus gemeinsam? Diese Bauwerke wurden alle in der Zeit um 1900 errichtet, und zwar unter der Regie desselben Baumeisters: Franz Borchard, Maurermeister aus Nesselröden und Gründer des Büros Franz Borchard, das über drei Generationen mehr als 150 Bauwerke erschuf, von denen viele heute noch das Stadtbild mit prägen. Dazu wurde eine Ausstellung im Kophus des Duderstädter Rathauses eröffnet.
„Fachwerktradition und Gründerzeit: Franz Borchard – ein Baumeister in Duderstadt“, so der Titel der Ausstellung, die noch bis zum 7. November 2023 zu sehen ist. Dass diese Ausstellung überhaupt konzipiert wurde, ist einer eher zufälligen Entdeckung zu verdanken: Von 2013 bis 2016 hat ein Architektenteam unter der Leitung des Erfurter Architekten Christoph Hanske im Auftrag der Stadt Duderstadt und des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege den geschützten Gebäudebestand der Duderstädter Altstadt für die Aktualisierung der Denkmalliste überprüft und dokumentiert. Unterstützung gab es von Sandra Kästner, Leiterin des Duderstädter Stadtarchivs und Heimatmuseums, Martin Vollmer vom Fachdienst Bauaufsicht und Petra Koch vom Fachdienst Denkmalschutz der Stadt Duderstadt.
Bei der Eröffnung der Ausstellung gab Christoph Hanske Einblicke in die Entstehung und Besonderheiten der Ausstellung. Während der Recherche zum Duderstädter Gebäudebestand hatte sich nämlich überraschenderweise herausgestellt, dass nahezu 150 Bauprojekte in Duderstadt von 1896 bis 1984 von den drei Generationen des Duderstädter Büros Franz Borchard geplant und ausgeführt wurden. Schon um die Jahrhundertwende befanden sich darunter zahlreiche bedeutende Bauwerke wie die Synagoge (1896), die 1938 den Verbrechen in der Reichspogromnacht zum Opfer fiel, das alte Schützenhaus (1902), das evangelische Gemeindehaus (1904), das Haus St. Georg (damals Knabenkonvikt, 1907), das Internatsgebäude St. Ursula und der Altbau des St.-Martini-Krankenhauses (beide 1908) – um nur einige zu nennen. Außerdem wuchs Duderstadt ab der Gründerzeit nach 1870 auch über seine ehemaligen Grenzen hinaus. Es wurden die Gartenflächen vor den Stadttoren mit schmucken Villen bebaut, und viele dieser Häuser an der Göttinger Straße, Worbiser Straße und Bahnhofstraße gehen ebenfalls auf den Baumeister und Firmengründer Franz Borchard zurück, der ab 1898 in Duderstadt, heute Göttinger Straße 14, ansässig war.
Über den Aufbau des Unternehmens zu einer Duderstädter „Baudynastie“ informierte Christoph Hanske auch anhand von Bauzeichnungen, Lehr- und Meisterbriefen und schriftlicher Korrespondenz mit den entsprechenden Behörden. „Bei vielen Gebäuden weiß man heute, wer der Bauherr war, selten erfährt man aber so viel über die Baumeister wie hier über das Büro Borchard“, erklärte Christoph Hanske.
Der Sohn des Firmengründers, Architekt Franz Borchard jun., übernahm 1925 die Firma, 1961 trat der Enkel, Architekt Franz Arthur Borchard, in die Fußstapfen des Seniors und führte das Unternehmen weiter bis zu seinem frühen Tod als 50-Jähriger 1984.
Bürgermeister Thorsten Feike dankte allen Beteiligten für die ausführliche Recherche zur Duderstädter Stadtgeschichte und gab außerdem den Hinweis, das im Kophus zukünftig weitere Ausstellungen Platz finden sollten. Besonders für kleinere Sammlungen sei der Ort attraktiv, und Gäste könnten zu den Öffnungszeiten der Gästeinformation die Ausstellung besuchen (täglich von 10 bis 16.30 Uhr, auch an den Wochenenden). Der Eintritt zur Ausstellung ist kostenfrei.
(Titelbild: Bekannte Gebäude in Duderstadt, Quelle: Eichsfelder Postkarten Online)
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