„Eichsfelder Lebensbilder“ (Band 2): Kritisch, diskutierbar, informativ

Der zweite Band der „Eichsfelder Lebensbilder“, herausgegeben vom Historiker Torsten W. Müller im Auftrag des Vereins für Eichsfeldische Heimatkunde e. V., stellt Menschen vor, die durch ihr Wirken die Geschichte des Eichsfelds beeinflusst haben. Dabei werden auch durchaus kritische Aspekte betrachtet, die in Verbindung mit den beiden deutschen Diktaturen stehen.

Im Unterschied zum ersten Band der „Eichsfelder Lebensbilder“, der Personen vorstellte, deren Wirkungskreis auf das Eichsfeld beschränkt blieb, befasst sich der zweite Band mit Menschen aus dem Eichsfeld, die auch außerhalb der Region wirkten. Doch schon im Vorwort begründet Peter Anhalt, Vorsitzender des Vereins für Eichsfeldische Heimatkunde, warum zum Beispiel auch Personen vorgestellt werden, die beim ersten kurzen Durchblättern des Buches irritieren: Da stehen ein NSDAP-Kreisleiter oder ein Jagdflieger aus dem Zweiten Weltkrieg neben dem Komponisten, dem Gewerkschafter, dem Verfolgten des DDR-Regimes oder neben der einzigen Frau, der Sozialreformerin Ida Ottilie Achatia von Kortzfleisch. Dazu schreibt Peter Anhalt: „Ideologisch belastete Biografien und deren Auswirkungen gehören ganz sicher nicht zu den Sternstunden eichsfeldischer Geschichte, sollen aber dennoch nicht verschwiegen, sondern aufgearbeitet werden.“ Das Buch wendet sich sowohl an Fachleute als auch an interessierte Leser*innen. Die Texte stammen von verschiedenen Autoren und Heimatforschern.

NSDAP im ländlich-katholischen Eichsfeld

In den insgesamt 16 vorgestellten Biografien werden nicht nur Lebensdaten und Ereignisse wiedergegeben, sondern die Autoren gehen auch fundiert auf die jeweiligen Auswirkungen eines jeden Handelns ein. So wird am Beispiel des NSDAP-Kreisleiters Herbert Haselwander klar herausgearbeitet, wie sich durch sein Wirken, das Repressalien, Gleichschaltung, Propaganda und Manipulation umfasst, die NSDAP auch im ländlich-katholischen Umfeld zunehmend etablieren konnte.
Die Frage nach persönlicher Verantwortung stellt sich zudem beim „Flieger-Ass“ Josef Zwernemann, der 1944 im Luftkampf ums Leben kam. Zwar werden hier „seelische Belastungen“ genannt, die der Jagdflieger aus Kirchworbis gegenüber seiner Familie erwähnt haben soll, und die einen Hinweis geben könnten, dass ihm die Konsequenzen seiner Handlungen durchaus bewusst waren. Dennoch hat der damals 28-Jährige, auf dessen Konto über 100 Abschüsse mit vermutlich hunderten Toten gehen und der dafür vielfach ausgezeichnet wurde, seine persönliche Karriere vor sein Gewissen gestellt – zumindest, so lange der Krieg für ihn nicht verloren schien. Er könnte hier beispielhaft für viele junge Menschen stehen, die sich vom NS-Regime locken ließen und mitmachten, bis es für eine Umkehr zu spät war.

Die 1850 in Ostpreußen geborene Ida von Kortzfleisch kann eine weitaus glänzendere Biografie und ein nachhaltigeres Wirken im Eichsfeld vorweisen. Um Mädchen und Frauen eine professionalisierte Hauswirtschaftsausbildung zu ermöglichen, gründete sie deutschlandweit die Reifensteiner Schulen mit dem Hauptsitz im eichsfeldischen Reifenstein. Zudem war sie politisch aktiv und setzte sich als Frauenrechtlerin für einen gesellschaftlichen Wandel ein. In die Ausbildung an den Reifensteiner Schulen flossen auch Elemente der Garten- und Landwirtschaft, Buchhaltung, Pädagogik, Kranken- und Säuglingspflege, Personalführung und sogar Kunst und Naturwissenschaften mit ein. Das kam den Frauen vor allem während und nach den Kriegen zugute, wo Männer in allen Bereichen fehlten und dementsprechend ausgebildete Frauen gut ausgerüstet waren, um einen Betrieb oder einen Gutshof zu führen.

Wo sind die Frauen?

Was in der Biografie und Würdigung Ida von Kortzfleischs schon angesprochen wird, fehlt dann allerdings im Gesamtwerk „Eichsfelder Lebensbilder“. Das Buch, an dem vor allem männliche Autoren beteiligt waren,  stellt – bis auf eine Ausnahme – ausschließlich Männer in einem Zeitraum vom Barock bis zur Gegenwart vor. Doch wo sind die Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Gründerinnen, Ordensfrauen, Ärztinnen, Meinungsmacherinnen, Landwirtinnen, Politikerinnen, Pädagoginnen, Handwerkerinnen etc., deren Wirken ebenfalls Einfluss hatte auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung im Eichsfeld? Da gäbe es für einen dritten Band der „Eichsfelder Lebensbilder“ noch ein breites Spektrum abzubilden, das bisher ausgelassen wurde.

Dennoch wird auch im zweiten Band deutlich, wie sehr die Entwicklungen in einer Region von den Entscheidungen, Taten und Fähigkeiten einzelner Menschen abhängig sind. Nicht nur Historiker und Gesellschaftswissenschaftler können die Biografien, eingebunden im historischen Kontext, zur Recherche nutzen, auch interessierte Leserinnen und Leser werden in vielerlei Hinsicht spannend informiert und zum Nachdenken angeregt.

„Eichsfelder Lebensbilder“ ist im Verlag F. W. Cordier Heiligenstadt erschienen.

 

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