Der VW als Metapher im neuen Roman von Peter Prange

Der Göttinger Literaturherbst führt auch in diesem Jahr wieder einige Bestsellerautoren ins Eichsfeld – und gibt manchmal Anlass für auffällige „Deko“ vor dem Veranstaltungsort. Im Duderstädter Rathaus war Peter Prange zu Gast, dessen Bücher schon verfilmt wurden, zum Beispiel „Das Bernstein Amulett“. Sein neuer Roman „Eine Familie in Deutschland“ besteht aus zwei Teilen, und der zweite wurde druckfrisch im Göttinger Literaturherbst vorgestellt. Eine Rolle spielt dabei der „Volkswagen-Mythos“, was das Team der Buchhandlung Seseke als Kooperationspartner veranlasste, ein paar auf Hochglanz polierte Oldtimer vor der Rathaustreppe zu parken.

 

Mancher Literatur-Fan schwelgte in Erinnerungen beim Anblick der alten Käfer – dem Volkswagen ganzer Generationen

 

„Am Ende der Hoffnung“ heißt der zweite Teil der Familiensaga, der erste Teil „Zeit zu hoffen, Zeit zu leben“ ist im Herbst 2018 erschienen. Der Volkswagen – das Familienauto, dessen Produktion Adolf Hitler gefordert hatte und das den Traum der Deutschen vom wirtschaftlichen Aufschwung über ganze Epochen prägte – wird zum Pol einer Familiengeschichte, aber auch zur Metapher für die Verwicklung eines Unternehmens in zeitgeschichtliche Strukturen. Die Erzählung über die Fabrikantenfamilie Ising, die im ersten Teil in der Vorkriegszeit begonnen hat, wird nun vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs weitergeführt.

 

Peter Prange liest nicht nur im Duderstädter Rathaussaal, sondern erzählt auch die Entstehungsgeschichte seines Romans – und die ist mindestens genau so spannend wie das Werk selbst.

 

Bevor Peter Prange Auszüge aus seinem Roman vorlas, bewies er seine erzählerische Begabung schon bei der Entstehungsgeschichte des rund 1500 Seiten umfassenden Gesamtwerkes. In seiner Kindheit – Prange wurde 1955 geboren –  seien die Auswirkungen des Krieges noch überall sichtbar und spürbar gewesen. Bei den Erwachsenen habe er den besonderen „Zungenschlag“ beim Aussprechen der Namen Hitler und Goebbels bemerkt, ganz anders als beim Namen Adenauer. Die „dunkle Faszination des Bösen“ habe ihn schließlich bis heute begleitet. „Je intensiver ich mich mit dem Thema NS-Zeit beschäftigte, desto drängender stellten sich mir zwei Fragen: Wie konnte eine Kulturnation wie Deutschland in solche Barbarei absinken? Und was wäre aus mir geworden, wenn ich dreißig Jahre früher geboren wäre?“, fragte der Autor und beklagte die Arroganz der Nachgeborenen. „Im Wirtschaftswunder war es einfach, ein guter Mensch zu sein. Aber in einer Mischung aus Verführung, Anpasserei und Kollektivismus ist es irrsinnig schwer, anständig zu bleiben“, sagte Prange und schlug den Bogen ins aktuelle Zeitgeschehen: „Dinge werden heute wieder aussprachfähig, die vor einigen Jahren noch undenkbar waren. Wir müssen jetzt aufpassen und wachsam sein.“ Dafür gab es spontanen Applaus im vollbesetzten Rathaussaal.

 

Zwei Teile, ein Werk: „Eine Familie in Deutschland“ von Peter Prange

 

Pranges Ziel war, die NS-Zeit vom Tag der Machtergreifung bis zum Tag der Kapitulation künstlerisch und möglichst facettenreich zu erzählen. „Ich entschied mich für eine Familiengeschichte. In jeder Familie gibt es solche und solche, aber man bleibt immer aufeinander bezogen. Im Dunkel des gelebten Augenblicks versucht jeder, sein vertrautes Leben unter den neuen Bedingungen weiterzuführen, so gut es geht“, sagte Prange. Die Sehnsucht nach Sicherheit, und damit einhergehende Kompromissbereitschaft, konfrontierte der Autor mit der Frage nach dem Gewissen und nach der eigenen Verantwortung. Um diesen Zwiespalt in seinem Roman herauszuarbeiten, hat Prange seine Figuren facettenreich gezeichnet. Neben fiktiven Charakteren tauchen auch historische Persönlichkeiten auf wie die Regisseurin Leni Riefenstahl, die Hitlers Propagandafilme drehte. „Verführung einer Verführerin“ betitelte der Autor die kometenhafte Karriere der Künstlerin, die in einem Moment ihres Lebens am Scheideweg stand, sich allerdings für die falsche Richtung entschied.

Peter Prange gelingt ein aufwendig recherchierter Einblick in die dunkelste Epoche Deutschlands. Er vermeidet die Anklage der Mitläufer, der Stillschweiger, der Angepassten, aber nicht die der Täter. Dafür warnt er die heutigen Generationen. „Wir müssen uns imprägnieren gegen diese Verführungen und wir müssen sensibel werden“, fordert er.

Der Göttinger Literaturherbst wird von regionalen Buchhändlern und Institutionen unterstützt. Nicht der große Online-Händler bringe die Kultur vor Ort, sondern die kleinen Buchhandlungen, die Autoren einladen und Lesungen organisieren, sagte Peter Prange und sprach sich dafür aus, dieses Engagement zu unterstützen. Kooperationspartner der Veranstaltung waren die Duderstädter Buchhandlung Seseke und die Stadt Duderstadt.

Literaturherbst-Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold gab noch ein paar Fakten bekannt:

2014 fanden das erste Mal in Duderstadt, im Grenzlandmuseum Teistungen und anderen Orten außerhalb Göttingens Veranstaltungen des Literaturherbstes statt. Inzwischen wird ein Viertel des Programms in andere Orte des Landkreises verlegt – mit großen Auswirkungen: Die Besucherzahlen konnten um 5000 erhöht werden.

Der zweiteilige Roman von Peter Prange „Eine Familie in Deutschland – Zeit zu hoffen, Zeit zu leben“ und „Eine Familie in Deutschland – Am Ende der Hoffnung“ ist im Verlag Fischer Scherz erschienen.

 

 

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