Blättern oder Wischen? Wie liest man heute – und wie überleben kleine Verlage?

Die Art zu lesen hat sich im Zeitalter der Digitalisierung komplett verändert. Ganze Bibliotheken, internationale Zeitungen und Magazine kann man auf dem Smartphone aufrufen. Das hat Vorteile, spart Papier-, Druck- und Transportkosten und Platz im Bücherregal. Aber das digitale Lesen ist weniger sinnlich. Kein Geruch von Papier, kein Fühlen der samtigen Buchseiten, kein Rascheln beim Umblättern. Und ein kalt leuchtendes Display ist auch nur halb so gemütlich wie ein Buch unter der Leselampe. Trotzdem hat sich das digitale Lesen durchgesetzt, und vor allem die jüngeren Generationen werden wohl zumindest auf gedruckte Tageszeitungen, Lexika, Atlasse, Kataloge und Kochbücher weitgehend verzichten.

 

Ein Kochbuch kann sehr ästhetisch sein und Hintergrundwissen bieten. Aber die Auswahl an Rezepten ist im Internet unbegrenzt.

 

Mit der Digitalisierung sind Probleme auf die Verlage zugekommen, die zuerst niemand richtig einschätzen konnte, da sie eben völlig neu waren. Würde der Zeitungsleser auf das Papierexemplar mit dem Kreuzworträtsel verzichten? Würde sich das E-Book wirklich durchsetzen? Und auch die Qualität der digitalen Veröffentlichungen wurde lange für minderwertig gehalten.

Tatsächlich ist es ja für jeden möglich, seine geistige Tätigkeit in Worte zu fassen und diese im Netz zu veröffentlichen – ohne Kontrollinstanz und Korrektorat. Nicht alles ist also entsprechend hochwertig, was in der digitalen Welt verbreitet wird. Allerdings sollte auch niemand die Leser unterschätzen. Eine gute Geschichte – ob als Reportage oder Roman – bleibt eine gute Geschichte, egal wo und wie sie veröffentlicht wird.

 

Eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte – egal, ob sie digital oder gedruckt veröffentlicht wird.

 

Eine besondere Stellung haben Kinder- und Jugendbücher. Die werden eher als Printausgabe gekauft und verschenkt. In manchen Werken dürfen Kinder auch selbst aktiv werden, malen und kritzeln – wie in einigen Kinderbüchern von Astrid Seehaus. Die Autorin hat in Wehnde im thüringischen Eichsfeld den kleinen Undine-Verlag gegründet. Für Clanys Eichsfeld-Blog stand sie zum Interview bereit:

Bei ihren Kinderbuch-Lesungen tritt Autorin und Verlegerin Astrid Seehaus auch mal selbst als Hexe auf. (Foto AS)

Wie behauptet sich ein kleiner Verlag mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendbücher im digitalen Zeitalter?

Astrid Seehaus: Man stelle sich umgekehrt vor, es gäbe keine Bücher (mehr). Alle Regale in den Buchhandlungen leer, die Regale in den Bibliotheken ebenso, und im eigenen Bücherregal neben der gähnenden Leere ein einsamer E-Reader. Wenn uns dieses Bild seltsam anmutet, vielleicht sogar unvorstellbar, wissen wir, dass wir Bücher brauchen. Das gilt für Bücherliebhaberinnen und -liebhaber, die gerne blättern, weil es sich für sie immer noch sinnlicher anfühlt als ein Wischen auf einem E-Reader, nicht unbedingt für diejenigen, die mit einem Buch nichts anfangen können. Die würden eher das Internet vermissen, würde es das nicht mehr geben. (Wo, nebenbei bemerkt, auch gelesen wird.)

Das zeigt uns wiederum, dass wir als Informationsgesellschaft, die wir nun mal sind, eine intensive Unterhaltungskultur pflegen. Die Folge davon ist ein Angebot, vielleicht sogar ein Überangebot, an Möglichkeiten. Das Internet ist wie beim Individualverkehr erst einmal eine positive Einrichtung. Wir können uns „frei“ von einem Ort zum nächsten bewegen. Ein Zuviel von bestimmten Dingen, zum Beispiel Stau auf den Straßen oder Informationsflut, verwirrt und schürt Aggressionen mit entsprechenden Folgen.

 

Ein Buch entschleunigt – Bild: The new novel von Winslow Homer, 1877 (WikiArt)

 

Ein Buch entschleunigt. Wir lesen gemäß unseres Temperamentes (schnell, langsam, gründlich, oberflächlich etc.) Das kann man auch mit einem E-Reader. Das ist Geschmacks- und Gewohnheitssache. Es kommt darauf an, was einem mehr liegt: Einen Bildband würde ich als gedrucktes Buch bevorzugen, einen dicken Roman durchaus auf einem E-Reader lesen.

Das Buch wird nach wie vor von meiner Generation geschätzt. Ich kann mir jedoch sehr gut vorstellen, dass ein E-Reader, ein Tablet oder das Smartphone, das Buch in Zukunft ablösen wird. Nicht das Lesen oder die Begeisterung am Lesen wird weniger werden, sondern vielleicht eher doch das gedruckte Buch. (Schwierig wird es mit den E-Readern bei einem Stromausfall.)

Ein Verlag mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendbücher braucht, um in unserer Zeit zu überleben, einen Star wie zum Beispiel die Rowling (Harry Potter). Ich würde mir die Schriftstellerin Joanne K. Rowling gerne mal für ein Jahr ausleihen und Bücher von ihr veröffentlichen und wäre mir sicher, ich würde bis zum Rest meiner Verlegerinnentage ausgesorgt haben. Was erkennt man daran? Dass es durchaus Chancen gibt, als Kinderbuchverlag im digitalen Zeitalter zu überleben, möglicherweise sogar reich zu werden.

 

Auch bei Astrid Seehaus wird gezaubert

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, beeinflusst das Überleben. Frage einen Engländer über die Rowling aus, antwortet er möglicherweise, vor der Rowling habe es die Susan Cooper gegeben, ebenso gut wie die Rowling, die aber mit ihren Fantasygeschichten 30 Jahre zu früh dran gewesen sei. In diesem Fall war es die falsche Zeit. Manchmal ist es auch der falsche Ort. Würde Nele Neuhaus nicht im Taunus bei Frankfurt ermitteln lassen, sondern irgendwo in der Mark Brandenburg, stelle ich infrage, dass ihr Erfolg ebenso großartig wäre. Der Erfolg eines Buches hängt nicht nur vom Thema ab, sondern auch von der Region und damit von der Größe und Potenz der Käuferschicht. Viele Menschen bedeuten viele mögliche Kundinnen und Kunden, und eine Reiche-Leute-Gegend heißt ganz einfach, viele gut gefüllte Geldbörsen. Mit einer prallen Geldbörse fällt es einem leichter, Geld auszugeben,

Ein Kinderbuchverlag ist, wie jeder andere Verlag auch, von vielen Unterstützern abhängig: den Buchhändlern, die das Buch ins Sortiment aufnehmen und empfehlen; den Buchrezensenten, die wohlwollende Besprechungen schreiben, wenn sie überhaupt welche schreiben; von den Zeitungen, die diese Besprechungen bringen, wenn sie denn Platz haben; von den Bloggern und Influencern (den booktubern), die aber auch erst einmal im Internet-Universum gefunden werden müssen; von Medien wie Fernsehen, Radio etc.; von Lehrerinnen und Lehrern in der Schule, wenn diese überhaupt Zeit finden, sich neben den vollen Lehrplänen auch noch mit dem Thema Buch zu beschäftigen; von den Eltern, Großeltern, Verwandten, Freunden etc., die das Buch für das Kind kaufen.

 

Um die Vermarktung kümmert sich die Verlegerin auch selbst, zum Beispiel über das mehrmals im Jahr erscheinende Magazin „Das Eichsfeld liest“, u. a. mit Beiträgen verschiedener Eichsfelder AutorInnen. (Foto AS)

 

Man braucht das Glück, dass das Buch wahrgenommen wird, und dann wiederum das Glück, dass das Buch gekauft, gelesen und empfohlen wird. Ein kleiner Verlag ist nicht annähernd in der Lage, den gleichen Wirkungsgrad, den all diese Menschen und Institutionen haben (und dadurch starken Einfluss ausüben), mit Werbung zu erreichen. Ich habe mal irgendwo gelesen, für das Buch Panem habe man nahezu eine Million Euro an Werbung ausgegeben. Ich bin mir nicht sicher, ob es stimmt. Egal, versuchen wir einfach mal, uns das für einen kleinen, regionalen Verlag vorzustellen.

Und was kann man selbst tun? Das gleiche wie alle anderen auch: Man bloggt, facebooked, twittert, instagramt und so weiter, man geht ins Netz und verhält sich als digitaler Marktschreier. Ob man damit Gehör findet, ist eine andere Frage, es „schreien“ ja auch alle anderen um einen herum. Deswegen komme ich auf das zurück, was ursprünglich ist und möglicherweise in den Ohren anderer „verstaubt“ klingt: Ich drucke.

 

Die aktuelle Ausgabe „Das Eichsfeld liest“ liegt auch in Duderstadt aus: Im Stadthaus vor dem Bürgerbüro

 

Das Literaturmagazin „Das Eichsfeld liest“ (Print-Ausgabe) liegt gratis aus, vor allem im Eichsfeld, aber nun auch vermehrt in Thüringen. Für das Magazin schreiben Eichsfelder, darüber hinaus Autorinnen und Autoren aus Thüringen und aus anderen Bundesländern. Die Eichsfelder Autorengemeinschaft (seit 2016) erntet aufgrund ihres Engagements bereits Erfolge: Es fragen vermehrt Bibliotheken und Schulen für Lesungen an.

Wir haben uns vernetzt, und, wie wir alle wissen: Vernetzung ist gut.

Das neueste Bilderbuch aus dem Undine Verlag „Die Flucht“ wird am 22.10. im Fernsehen vorgestellt (MDR, Thüringen Journal) und am 3.11. in der MDR-Kultursendung „Marlene“ von Dr. Torsten Unger.

 

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